(42) Silvester Jules betrachtete seinen mit Marabufedern besetzten Bisammantel wohlgefällig im Juwelierschaufenster.

von Alain Fux

Silvester Jules betrachtete seinen mit Marabufedern besetzten Bisammantel wohlgefällig im Juwelierschaufenster. Er hatte sein Eigenbild als Pop-Musiker transzendiert. Er war ein wunderbarer Gitarrist, ein begnadeter Sänger und hatte eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Das wurde ihm auch von den Kritikern bestätigt. Seine Gegner taten ihn als Mainstream-Musiker ab. Darüber konnte Jules nur lachen. In seiner Eigensicht war er eher der weise Messias, der in allen Dingen, vor allem ästhetischen, das letzte Wort haben sollte. Und weil er Gegenworte nicht ertragen konnte, engagierte er für seine Konzerte und Aufnahmen grundsätzlich immer nur Studiomusiker. Er zahlte ihnen einen Stundenlohn und sie spielten die Noten vom Blatt. Keine Gefahr, dass sie ihm Vorschläge machten, wie er seinen Stil verändern sollte. Die Silvester-Jules-Band gab es nur auf dem Papier und Jules war das einzige ständige Mitglied.
Die hervorgehobene Position, die er in seinen Gedanken einnahm, hatte er immer mehr auch über sein Äußeres zum Ausdruck gebracht. Sein Kleidungsstil definierte quasi den Ausdruck ‚exzentrisch‘. Aber seine wahre Leidenschaft war Schmuck. Dabei hatte er einen einfachen Geschmack: Gold und Diamanten(Ketten, Ringe, Ohrringe und Armbänder). Gelbgold passte sehr gut zu seinem Hautton und Diamanten gaben ihm die nötigen Strahleffekte.
Neben dem Tragen von Schmuck mochte er das Erwerben davon. Es beschleunigte sein Herz und gab ihm dieses Kribbeln im Unterleib, das sich so gut anfühlte. Jetzt stand er in New York in der 47. Straße vor einem Juwelierladen, dem Bellagio Diamond Center, und besah die Auslagen. Die meisten ausgestellten Stücke waren zu filigran für Jules Geschmack. Schmuck war in erster Linie ein Statement und das sollte man auch gleich sehen. Gold diente nicht nur dazu, die Diamanten festzuhalten, sondern es sollte mit seiner schieren Masse sofort sichtbar sein. Viele Juweliere waren einfach zu zaghaft. Einige Stücke im Fenster von Bellagio gaben Anlass zur Hoffnung. Er fand die Ohrclips mit ihren breiten Goldbändern und den darin eingearbeiteten Diamanten recht passabel. Allerdings kamen Clips für ihn nicht in Frage. Das Gold sollte mit seinem Körper verschmelzen. Ein dicker Brillantring fiel ihm ebenfalls ins Auge. Es war anzunehmen, dass Bellagio im Tresor weitere interessante Modelle lagern hatte. Es kam auf einen Versuch an.
Jules raffte seinen Pelzmantel mit dem Marabukragen und klopfte mit dem Goldknauf seines Spazierstocks an die Glastür. Drinnen, in der Schleuse zwischen der Außen- und der Innentür stand ein uniformierter Wachmann und schaute ihn misstrauisch an. Er öffnete die Außentür und befragte Jules nach seinem Namen und seinen Wünschen. Das fand Jules unfreundlich. Er wollte schon gehen, aber dann trat der Wachmann zur Seite und ließ ihn eintreten. „Entschuldigen Sie, Mr Jules, Sir“, sagte er. „Wir hatten am Vormittag einen Überfall durch einen anderen Clown und da muss ich sichergehen.“ Ihre Augen trafen sich. Der Blick des Wachmanns wurde unruhig. „Sir, das klang jetzt falsch. Treten Sie herein. Wir sind einfach noch schockiert wegen heute Vormittag.“

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