(39) Ralf hatte den Sack mit Schmutzwäsche in der Waschküche ausgeleert…

von Alain Fux

Ralf hatte den Sack mit Schmutzwäsche in der Waschküche ausgeleert und seine Mutter hatte schon mit dem Sortieren begonnen. Das schien ihr Spaß zu machen. Für Ralf Söllner war das vorteilhaft, denn Wäschemachen, so schätzte er, würde ihm keine Freude bereiten. Er legte den zusammengefalteten Sack auf die Waschmaschine und wollte wieder in seine Studentenbude zurück radeln. Gerade als er schon in der Kellertreppe war, rief sie ihn noch einmal zurück.
„Kannst du dich an Daisy erinnern?“ – „Ja“, antwortete er, Sie waren gemeinsam zur Schule gegangen und Daisy hatte nicht studiert. „Sie ist wieder zurück aus Australien.“ Seine Mutter hielt Ralf immer auf dem Laufenden, was ehemalige Schulfreundinnen betraf. Insbesondere, wenn es um Daisy ging, denn mit der Mutter von Daisy hatte Ralfs Mutter einen regen Austausch, wann immer die beiden Damen sich auf der Straße oder beim Einkaufen trafen. Seine Mutter hatte Ralf auch von dem Beinahe-Unfall beim Campen in Spanien erzählt und hatte ihn darüber informiert, mehrmals sogar, bevor Daisy zu diesen Inseln geflogen war. Sie hatte wohl die Hoffnung, dass durch diese ständigen Wiederholungen sein Interesse an Daisy geweckt werden würde. „Wie lief es denn in Australien?“ – „Ich weiß es nicht“, sagte die Mutter. „Warum rufst du sie nicht mal an und triffst dich mit ihr. Das wäre doch schön.“ – „Ich überlege es mir“, murmelte er und lief die Kellertreppe hoch. Daisy, dachte er, als er durch die Haustür ging und auf seinem Rad davonfuhr. An der Kreuzung musste er stehenbleiben, weil die Tram der Linie 43 kreuzte. Die siebte Heegner-Zahl. Daisy, dachte er noch einmal, als er weiterradeln konnte. Unerreicht und unerreichbar. Der einzige Berührungspunkt war, dass er ihr mal bei Hausaufgaben geholfen hatte. Und einmal hatte er einen linkischen Annäherungsversuch bei einem Schulfest unternommen. Allerdings war der Versuch derart verkrampft gewesen, dass ihn Daisy nicht mal als solchen wahrgenommen hatte. Ralf fuhr an dem ExpressSushi113 vorbei, dessen große orangefarbene Werbung ihm immer ins Auge sprang. Die Summe von zwei aufeinanderfolgenden Quadraten, 7 und 8, dachte er, wie immer, wenn er das Schild sah. Auf dem Schulfest hatte er es länger als normal für ihn ausgehalten. Er hatte sich vorgenommen, etwas Unerhörtes zu wagen. Allerdings war ihm nicht klar, was und wie. Er hatte sie die ganze Zeit im Auge behalten. Es war schon dunkel geworden und die Schulband hatte mit ihrem lauten Konzert angefangen. Er hatte zwei Flaschen Bier gekauft und war zu Daisy hinübergeschlendert. Sie stand mit zwei Freundinnen an der Hauswand gelehnt. Er bot ihr ein Bier an und zu seiner Überraschung nahm sie es. Ab dort hatte er improvisieren gemusst, denn seine Fantasien hatten nicht weiter gereicht. Er wusste nicht mehr, wovon er redete. Nach einer Ewigkeit, die seitens Daisy damit verstrich, dass sie das Bier trank, während er vor sich hin sabbelte, drückte sie ihm das leere Bier in die Hand, schob ihn zur Seite und ging auf die Tanzfläche. Eigentlich hatte er nichts weiter gewünscht, denn er konnte sich nicht vorstellen, wie es sonst weitergegangen wäre. Auf die Tanzfläche wäre er nicht gegangen, denn das war nicht seine Welt. Genausogut hätte er in einem Lavastrom schwimmen können.

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