(38) Und wie haben Sie dann Ihr Leben verändert?

von Alain Fux

„Und wie haben Sie dann Ihr Leben verändert?“, fragte Pitz Daisy. „Das war nicht so einfach. Sie werden mich auslachen.“ Pitz erklärte, dass er Ethnologe sei und daher keine Gefahr bestünde, dass er über ihre Handlungen lachen würde.
„Ich suchte etwas, das meinem Leben mehr Tiefe geben würde. Einen Sinn. Zelten in Spanien ergibt an sich keinen Sinn. Zumindest nicht mehr für mich und nicht an diesem Punkt meines Lebens. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Lebensweisheit war für mich immer mit Asien verbunden. Von Buddhismus bis Mutter Teresa, alles zeigte auf Asien.“
Pitz dachte, dass es nicht angebracht sei, an dieser Stelle anzumerken, dass Mutter Teresa Albanerin war. Stattdessen fragte er: „New Ireland gehört geografisch ja nicht zu Asien. Wie kamen Sie hierher?“ – „Ich weiß. Genauso wie Mutter Teresa keine Asiatin ist. Aber so funktioniert nun mal das menschliche Gehirn.“ Sie warf Pitz einen strengen Blick zu. „Ich weiß“, sagte er entschuldigend. „Wie kamen Sie denn hierher?“
„Ein Fall von Serendipität. Sie wissen schon, man sucht eine Sache und findet etwas völlig anderes. Purer Zufall. Ich suchte nach Erleuchtung in Asien und finde ein Job-Angebot von Guy Morton im Internet. Titel des Angebots war: ‚Möchten Sie mal etwas ganz anderes machen?‘. Zwei Wochen später war ich hier.“ – „Und?“ – „Es ist anders als Zelten in Spanien, das ist sicher. Aber ansonsten war es ein Reinfall. Morton ist, falls Sie es noch nicht selbst bemerkt haben, ein Trinker. Er suchte jemand, der seine diversen Aktivitäten irgendwie managed, denn zu 90% der Zeit ist er dazu nicht selbst in der Lage. Ich bin eine von vielen Studentinnen, die er sich immer wieder herholt, bis sie dann merken, was los ist.“ – „Aber er missbraucht sie nicht, oder?“ – „Nicht ausgeschlossen, aber bei mir hat er bisher noch nichts versucht. Und nachts schließe ich hinter mir ab.“ Pitz schaute zu dem Strand hinüber, an dem sie gerade vorbei fuhren. „Es geht mich ja nichts an und ich werde morgen auch wieder abreisen, denn ich komme zu spät hierher. Aber, Sie sollten hier nicht bleiben.“ – „Ach was“, grinste sie. „Wollen Sie mich unter Ihre Ethnologenfittiche nehmen?“ – „Nein, ich versuche nur, Ihnen einen guten Rat zu geben.“ Daisy griff in die Innentasche ihrer Cargojacke und zog einen Flugschein halb heraus. „Keine Sorge. Es ist schon alles geplant. Ich reise übermorgen nach Hause. Aber Morton weiß noch nichts davon, es soll eine Überraschung werden. Behalten Sie es für sich?“ Pitz nickte. Auch er fühlte sich enttäuscht von Morton. Die Globalisierung verschlang die Insel und Morton interessierte sich nur für seine Gin-Tonics. „Kann ich Sie denn heute Abend zum Essen einladen?“, fragte er Daisy. Sie schüttelte den Kopf. „Jetzt werden Sie nicht zu freundlich, Herr Pitz. Nichts für ungut, aber ich gehöre nicht zu den Souvenirs dieser Insel.“ Er wollte sagen, dass er nichts von ihr wollte, aber sie winkte ab. „Und was machen Sie, wenn Sie wieder zu Hause sind?“, fragte er sie schließlich.

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