(37) „Es ist alles kontaminiert“, jammerte Pitz, als sie wieder auf der Asphaltstraße fuhren.

von Alain Fux

„Es ist alles kontaminiert“, jammerte Pitz, als sie wieder auf der Asphaltstraße fuhren. Er klagte darüber, dass ethnologische Beobachtungen zunehmend durch die Globalisierung erschwert wurden. „Als Nächstes wird es die Tatanua-Masken wahrscheinlich in Plastik geben.“ Er schaute verdrossen aus dem Fenster zur Seite. „Ich verstehe Sie sehr gut“, antwortete Daisy. „Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen meine Geschichte erzählen. Es gibt Parallelen.“ Pitz nickte und drehte sich etwas zu ihr.
„Meine Reise nach Kavieng begann seltsamerweise mit einem Zelturlaub in Spanien. Ich war mit meinem Freund und noch ein paar anderen Leuten zum Campen hingefahren. Wir hatten Fahrräder gemietet und zelteten mal auf regulären Plätzen und manchmal auch wild. Es waren schöne Frühlingstage und ich hatte den Eindruck, dass ich nie zuvor eine schönere Zeit erlebt hatte. An einem Abend war es schon etwas später und es war kein Campingplatz in der Nähe. Wir hielten an einem reißenden Bergbach an und schlugen unsere Zelte auf. Da wir vom Radfahren völlig erschöpft waren, schliefen wir gleich ein. Plötzlich wurde ich panisch von meinem Freund geweckt. Als ich aus dem Zelt kam, war es schon ein wenig hell geworden und ich sah, dass der Bergbach mächtig angeschwollen war, über die Ufer getreten war und unser etwas erhöhter Platz wie eine Insel aus dem Wasserlauf herausragte. Allerdings nicht mehr viel. Wir markierten den Wasserstand mit Stöckchen und sahen, dass der Pegel immer weiter stieg. Die Strömung würde uns wegreißen und wir würden vielleicht ertrinken, bevor wir ans Ufer gelangen konnten.“
Sie blieb an einer Kreuzung stehen und schaute nach herankommenden Autos. „Und dann, was geschah?“, fragte Pitz. Daisy bog ab und schaltete die Gänge wieder hoch.
„Ich dachte, ich würde sterben. Die anderen suchten nach irgendwelchen Lösungen, aber ich war wie gelähmt. Als ob ich die Gewissheit hätte, dass dies mein letzter Tag sein würde. Dann fasste ich die Entscheidung, dass ich mein Leben ändern wollte, wenn ich aus dieser Lage wieder heil herauskommen würde. Es war nichts mit Beten, oder so. Es war eine Feststellung, die ich für mich machte. Wenn ich lebend aus dieser Situation herauskommen würde, dann würde ich mein Leben ändern.“
Sie schwieg, als ob sie wollte, dass ihm die Tragweite dieser Aussage stärker bewusst wurde. Er sagte nach einer angemessenen Zeit: „Nun, Sie wurden augenscheinlich gerettet. Was geschah dann?“ – „Das Wasser stieg immer weiter, bis die Zelte und die Fahrräder mitgerissen wurden. Wir hatten uns zusammengestellt auf dem höchsten Punkt. Um uns herum der reißende Bach. Dann stieg das Wasser nicht mehr und begann zuerst langsam, dann immer schneller zu sinken. Nach etwa vier Stunden war die eine Seite wieder passierbar und wir konnten uns aufs Trockene retten. Das war richtig krass.“

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