(36) Die Sorge war unbegründet, denn am nächsten Vormittag stand Daisy Sokoliss mit dem Geländewagen vor dem Hotel…

von Alain Fux

Die Sorge war unbegründet, denn am nächsten Vormittag stand Daisy Sokoliss mit dem Geländewagen vor dem Hotel und nahm Pitz mit zu einem Dorf, in dem es einen Schnitzer gab. „Wie viele Malagan-Veranstaltungen haben Sie denn schon miterlebt?“, fragte Pitz die zierliche junge Frau, die neben ihm saß und mit großer Entschlossenheit und Kraft die Gänge des alten Land Rovers wechselte. „Ich kenne sie nur vom Hören-Sagen, denn ich bin erst vor zwei Monaten hierhergekommen.“ Als sie merkte, dass Pitz skeptisch blickte, fügte sie lächelnd hinzu: „Aber ich kenn mich besser aus als Guy, denn der hat nur drei Fixpunkte auf der Insel, zwischen denen er sich die letzten Jahrzehnte hin- und her bewegt hat.“
Pitz erklärte ihr, dass Malagan-Zeremonien unregelmäßig und meistens zu Ehren von Toten abgehalten wurden. Sie konnten Tage andauern und für die Feierlichkeiten wurden spezielle Masken geschnitzt. Früher verbrannte man sie nach der Zeremonie, heute wurden sie aufbewahrt, weil es nur mehr wenige Schnitzer dafür gab. „Genau“, sagte Daisy, „und zu einem davon fahren wir jetzt.“
Nach einer Stunden Fahrtzeit bog sie in eine Schotterpiste ein und hielt dann an einer Baumhütte direkt am Strand. Davor saß ein junger Einheimischer, der gerade dabei war, in einer Kokosnussschale rote Farbe anzurühren. „Fabian Salle“, stellte Daisy vor. Glücklicherweise redete Fabian recht gutes Englisch, sodass die Kommunikation überhaupt möglich war. Neben ihm lag eine fertiggeschnitzte Maske, die aber noch gefärbt werden musste. „Tatanua“, sagte Pitz und zeigte auf die Maske. Salle lächelte und wiederholte, allerdings auf der zweiten Silbe betont: „Tatanua!“. Pitz erklärte Daisy, dass das die wesentliche Maske für eine Totenzeremonie sei und der Kamm, der wie ein Irokesenschnitt aussah, auf die Tradition zurückging, dass bei Trauerfeierlichkeiten die Männer ihre Haare bis auf einen Mittelstreifen abschnitten. Pitz fragte, womit die Farbe hergestellt wurde und Salle zeigte ihm ein rotes Felsstückchen, dass er mit einer Art Mörser zermahlen hatte und jetzt mit Öl vermischte. Pitz nahm etwas von der Paste zwischen die Finger. „Für wen ist die Maske bestimmt?“, fragte er. Salle zeigte mit dem Finger auf Pitz, was Pitz sehr verstörte. Der Ethnologe wurde blass und richtete sich auf. Daisy griff ein. „Nein, das haben Sie jetzt falsch verstanden. Es geht nicht um Ihr Begräbnis, das, wie ich hoffe, noch weit in der Zukunft liegt. Fabian meinte, dass er Ihnen die Maske gerne verkaufen würde.“ Das beruhigte Pitz zuerst, aber dann legte er doch wieder die Stirn in Falten. Er fragte nach bei Salle, der ihm bestätigte, dass er die Masken jeweils auf Vorrat fertigte und dann an Touristen verkaufte. Daisy sah, dass Pitz nicht mit der Antwort zufrieden war und fragte ihn, ob er wieder fahren wollte. Pitz nickte und ging zurück zum Land Rover.

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