(34) Giorgio hatte kein Geld und wollte nicht auf die Unterstützung seiner Mutter angewiesen sein.

von Alain Fux

Giorgio hatte kein Geld und wollte nicht auf die Unterstützung seiner Mutter angewiesen sein. Es war zwar momentan nicht vorstellbar, aber er wusste, dass er früher oder später wieder in die Trattoria zurückkehren würde. Bis dahin brauchte er einen Job. Außerhalb des Kochens war er unqualifiziert. Ein Freund gab ihm den Tipp mit der studentischen Arbeitsvermittlung. Er trug sich ein und da niemand einen Studentenausweis sehen wollte, kreuzte er wahllos ‚Institut für Ethnologie‘ an. Bereits am nächsten Tag rief man ihn an und gab ihm eine Adresse, zu der er hingehen sollte.
So stand er vor einer verwahrlosten Villa und klingelte. Es dauerte einige Zeit, bis ein gut gelaunter Fünfzigjähriger mit runder Nickelbrille die Tür öffnete. Es war Dietram Pitz. „Ein Ethnologe! Ich freue mich sehr. Was ist ihr Spezialgebiet?“ – „Lateinamerika. Anden“, log Giorgio, der sich erst nach dem Ankreuzen über Ethnologie informiert hatte. „Ein Andinist, sehr spannend.“ Es stellte sich heraus, dass Pitz Privatgelehrter war mit dem Schwerpunkt Südsee. Von den Anden hatte er keine Ahnung und befragte Giorgio deswegen nicht weiter.
Pitz erklärte Giorgio, worum es bei der Arbeit ging. Er hatte eine Sammlung von Masken aus der Südsee gekauft und wollte diese sorgfältig katalogisieren. Dabei brauchte er Unterstützung. Giorgio erklärte sich dazu bereit. Die beiden handelten einen Stundensatz aus, der höher war, als die Vermittlungsstelle Giorgio angegeben hatte. „Als Ethnologe kann ich Ihnen mehr zahlen, da ich mir die ganzen Erklärungen sparen kann.“ Giorgio nickte. Es war in der Tat zu spät für Erklärungen.
Am nächsten Tag ging die Arbeit los. Die Masken rochen muffig, als Pitz sie aus den Holzkisten nahm und von der Holzwolle befreite. Er diktierte Giorgio seine Beobachtungen, während er die Masken untersuchte. Vieles waren Abkürzungen, die so klangen, als ob sie jeder Ethnologiestudent kennen müsste. Giorgio gab sich Mühe. Nach drei Stunden war Pitz mit der ersten Maske fertig. Es war eine Tanzmaske aus Neubritannien mit angesetzten Basthaaren und einer weißen Grundfläche, auf der ein Gesicht gemalt war. Pitz nahm die Aufzeichnungen und überflog die Seiten mit Giorgios krakeliger Schrift. Währenddessen schaute Giorgio sich die Maske genau an, so wie es ein Ethnologiestudent zweifellos tun würde. Pitz räusperte sich. „Sie studieren nicht wirklich Ethnologie, habe ich recht?“
Nachdem Giorgio die Wahrheit erzählt hatte, meinte Pitz: „Koch sind Sie also? Sind Sie ein schlechter Koch? Denn sonst ist es nicht vorstellbar, dass Sie einen Beruf mit vielen Möglichkeiten aufgeben und sich ausgerechnet als Ethnologe ausgeben.“ Giorgio versicherte, dass er gut kochen konnte und Pitz meinte, das solle er mal beweisen, damit er den hohen Stundenlohn rechtfertigte. Da Pitz nichts im Haus hatte, ging Giorgio einkaufen und bereitete ein komplettes Mittagessen für Pitz und ihn selbst. Pitz war begeistert. „Versprechen Sie mir, dass Sie Ihr Talent nicht weiter verschleudern und wieder einen Job als Koch suchen. Alles andere wäre doch lächerlich!“

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