(31) Doris Kaplan fand eine Stelle bei der Hundesteuerverwaltung.

von Alain Fux

Doris Kaplan fand eine Stelle bei der Hundesteuerverwaltung. Im Vergleich zur Arbeit einer Streifenpolizistin war dieser Job nicht besonders anspruchsvoll, was ihr sehr entgegenkam. Selbst Monate nach dem Schuss hatte sie immer noch Erinnerungsblitze an den Tag. Dabei sah sie auch immer die Fotos des toten Harald Bremer. Darauf schien er sehr friedlich, aber in ihren Träumen riss er jedes Mal plötzlich die Augen auf, dann den Mund und stürzte sich mit spitzen, bluttriefenden Zähnen auf sie. Das wühlte sie immer stark auf und sie konnte dann nicht weiter an der Hundedatenbank arbeiten.

Eines Abends saß sie in einem Restaurant. Alleine, denn sie konnte es nicht ertragen, dass im Gespräch mit anderen plötzlich ein Flashback sie erwischte. Schräg gegenüber saß ein junges Paar zusammen. Der Mann erinnerte sie an Harald Bremer. Es brachte ihr Herz zum Klopfen, aber sie hielt es aus. Es war eine positive Aufregung. Der junge Mann sah unglücklich aus. Er beteiligte sich kaum am Gespräch, seine Schultern hingen und seine Augen waren von großer Traurigkeit erfüllt. Nach der Hauptspeise legte er seine Serviette auf den Tisch und schien sich zu entschuldigen. Er stand auf und ging in Richtung der Toiletten. Ohne nachzudenken, stand Doris ebenfalls auf und folgte ihm. Ohne zu zögern, überschritt sie die Schwelle der Männertoilette. Der junge Mann stand vor dem Urinal und öffnete gerade den Reißverschluss seiner Hose. Er sah sie im Spiegel auftauchen, drehte sich reflexartig um. Sie griff ihn am Jackett und zog ihn in die Kabine daneben, drückte die Tür mit dem Fuß zu und küsste den jungen Mann auf den Mund. Er küsste zurück.

Der Sex in der Toilettenkabine war unbequem und für sich alleine genommen unbefriedigend. Aber Doris spürte, wie sie von ihm Energie erhielt und dass auch sie etwas bei ihm bewirkte. Als er fertig war, schien er unsicher, aber gleichzeitig auch glücklicher. Er küsste sie ein letztes Mal auf den Mund, dann öffnete er die Kabinentür und ging hinaus. Während sie ihr Kleid richtete, hörte sie, wie er sich die Hände wusch und nach draußen ging. Bevor sie ins Restaurant zurückkehrte, schlüpfte sie noch in die Damentoilette, um ihr Make-up zu richten. Zurück an ihrem Tisch sah sie, dass das junge Paar beim Nachtisch war. Der junge Mann lächelte seine Begleiterin an. Erst als Doris gezahlt hatte und den Mantel zum Gehen anzog, trafen sich ihre Blicke noch einmal. Doris spürte so etwas wie Dankbarkeit in seinen Augen.

Seitdem hielt sie in Restaurants immer wieder die Augen offen nach unglücklichen jungen Männern und verführte sie auf Herrenklos. Es war, als ob sie ihre Bestimmung im Leben gefunden hätte und endlich mit Harald Bremer ihren Frieden schließen konnte.

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