(29) Das stimmt nicht. Wenn Bisse so infektiös wären, dann würden wir doch alle sterben.

von Alain Fux

„Das stimmt nicht. Wenn Bisse so infektiös wären, dann würden wir doch alle sterben. Wir beißen uns doch selbst ständig.“ Mike Jakobi erklärte Harald Bremer, einem neuen Bekannten, sein Hobby. „Bityou ist wie Paintball, aber wir haben keine Waffen, sondern wir beißen halt. Aber es gibt klare Regeln: nur mit Schutzbrille, nicht durch die Badehose, nicht in die Lippen oder in die Ohrmuscheln. Und vor allem: kein Blut.“ Harald blieb skeptisch. „Komm doch einfach mal mit, dann kannst du dir eine eigene Meinung bilden.“

Schließlich hatte Harald eingewilligt. Er war neugierig und da er erst Kurzem in der Stadt gekommen war, kannte er nur wenige Leute. Vielleicht würde er so mehr Freunde finden, überlegte er. So kamen Mike und Harald an einem Samstagnachmittag zu der ehemaligen Fabrikhalle, in der vor vielen Federn für Matratzen und Polstermöbel hergestellt wurden. Die Maschinen standen noch darin, dazu hatte der Bityou-Verein noch alte Autos und Baumaschinen hineingestellt, damit der Hangar möglichst unübersichtlich geriet. An diesem Nachmittag waren sie zu zehn Spielern, inklusive Harald. Mike stellte alle vor. Dann zogen sie sich in der ehemaligen Waschkaue bis auf die Badehose und Sportschuhe aus. Mike gab Harald eine Schutzbrille. Dann wurden zwei Mannschaften gebildet, die einen bekamen rote, die andere blaue Armbinden. Die rote Mannschaft, darunter Mike und Harald, musste sich im Hangar verstecken und nach fünf Minuten machte sich die blaue Mannschaft auf die Suche. Es ging darum, die Spieler der gegnerischen Mannschaft zu markieren, das heißt mit einem Bissmal zu versehen. Wer markiert wurde, war damit ausgeschieden. Bei blutenden Bissmalen, wurde der Beißer disqualifiziert und schied seinerseits aus. Gewinner war die Mannschaft, die alle Gegenspieler markiert hatte.

Es war recht kalt in dem abgedunkelten Hangar, aber durch die Anspannung spürte Mike die Kälte nicht. Er hatte Harald davon abgebracht, sich hinter der Baggerschaufel zu verstecken, denn das war erfahrungsgemäß eine Falle, aus der man im Notfall nicht schnell genug entweichen konnte. Harald schien sehr fokussiert und hatte bei Mikes Warnung genickt. Mike war erstaunt, dass Harald so ernsthaft an die Sache heranging. Für ihn selbst war es ein Spaß und für die anderen Spieler auch. Er hoffte, dass Harald sich keine falschen Vorstellungen von dem Spiel machte. Aber, es war besser so, als einen Mitspieler zu haben, der nicht richtig bei der Sache war.

Mike hatte sich hinter eine Stahltonne versteckt. Harald nickte ihm zu und schlich weiter, an den Raupenketten des Baggers entlang. Kurz darauf ertönte der Buzzer, das Zeichen, dass die fünf Minuten um waren und die blaue Mannschaft jetzt in den Hangar kam. Das Spiel konnte beginnen. Die Herausforderung bei Bityou war es, den Gegner zu beißen, ohne selbst gebissen zu werden. Es war Ehrensache, dass ein Gegner, der die Zähne eines Angreifers spürte, nicht mehr selbst beißen durfte, er war dann sozusagen in Duldungsstarre.

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