(28) Was haben wir eben in dem MAZ-Einspieler gesehen?

von Alain Fux

„Was haben wir eben in dem MAZ-Einspieler gesehen?“, fragte Pit Ferber, der Moderator, und wandte sich wieder seiner Studiorunde zu. „Dr. Lange, was sagen Sie dazu als Mediziner?“

Dr. Stefan Lange räusperte sich. „Ich kann natürlich wenig zum Hintergrund sagen, aber eines ist klar: Bei einem derartigen Hundebiss ist eine Wundversorgung auf jeden Fall notwendig. Außer wenn es nur eine sehr oberflächliche Wunde ist und es einen guten Wundabfluss gibt. Die junge Frau hat den jungen Mann ins Krankenhaus gebracht, dort ist er bestimmt in guten Händen. Die Erstversorgung mit der Plastiktüte war natürlich etwas ungewöhnlich, aber glauben Sie mir, ich habe wesentlich Schlimmeres erlebt, als ich noch in der Unfallchirurgie arbeitete…“ – „Danke, Herr Dr. Lange. Ein wichtiges Stichwort war ‚Hintergrund‘. Herr Dörrbecker, was sagt uns die Philosophie dazu?“

Sebastian Dörrbecker strich sich nachdenklich durch den grau melierten Stoppelbart und blickte Ferber mit glasblauen, wenn auch rot geäderten Augen an. „Hat der junge Mann richtig gehandelt? Nein. Hat er eine Strafe verdient? Vielleicht. Musste ihm dafür die Hand zerfetzt werden? Nein. Ich denke, das können wir als erste, reflexhaften Prämissen unseres Denkens stehen lassen. Aber wie geht es weiter…?“ – „Genau, vielen Dank Herr Dörrbecker. Wie geht es weiter. Eine sehr richtige Frage. Wenn es um Konsequenzen geht, hilft uns vielleicht der Jurist weiter. Herr Dr. Olaf Hoppe ist Strafrechtler.“

Dr. Hoppe richtete sich ruckartig im Sessel auf und rückte die Krawatte zurecht. „Wir müssen die Frage weiter fassen. Was ist der Zweck der Strafe? Unterscheiden wir zwischen absoluten und relativen Strafzwecken. Bei den absoluten müssen wir des Weiteren unterscheiden zwischen Vergeltung und Sühne. Bei den relativen zwischen der Generalprävention, dahingestellt ob positiv oder negativ, und der Spezialprävention. Nachdem wir das Spielfeld der Strafe definiert haben, brauchen wir, um zu urteilen, noch jede Menge an zusätzlichen Informationen. Die haben wir nicht. Menschen grapschen, Hunde beißen, Frauen ohrfeigen. Wer ist Täter, wer ist Opfer? Es ist ein Graubereich…“ – „Interessant, danke, Herr Dr. Hoppe. Herr Dr. Lange, Sie wollten noch etwas hinzufügen?“ – „Ja, Herr Ferber. Es ist ja so, dass wir uns immer auf Hundebisse fokussieren. Erfahrungsgemäß sind das natürlich die häufigsten Bissarten. Aber wir sollten nicht vergessen, dass es eine noch heimtückischere Bissart gibt, nämlich der menschliche Biss. Während es bei Hunden in 25% der Fälle Infektionen gibt, ist das bei menschlichen Bissen in 50% der Fälle gegeben.“ – „Interessant, Herr Dr. Lange. Herr Dörrbecker, was sagen Sie dazu?“ Dörrbecker breitete seine Arme über den Armlehnen des LC2-Corbusier-Sessels aus und sagte mit tiefer Stimme: „Homo Homini Lupus.“ Ferber strahlte. „Hervorragend, Herr Dörrbecker. Und mit diesem Zitat von Plautus verabschieden wir uns von Ihnen, sehr geehrte Zuschauer draußen an den Geräten. Bleiben Sie uns gewogen, bis zum nächsten Mal. Gute Nacht.“

Advertisements