(26) Marco Krüger war der Sohn eines Outlaws.

von Alain Fux

Marco Krüger war der Sohn eines Outlaws. Und damit automatisch auch ein Outlaw. Jenseits des Gesetzes und frei. Als sein Vater nicht aus dem Bali-Urlaub zurückkehrte, hatte ihm die Mutter gesagt, dass er wegen einer Verwechslung von der Polizei festgehalten wurde. Sie war sehr beunruhigt. Als es in der Sache keinen Fortgang gab, flog sie selbst nach Bali, um ihren Mann zu sehen. Marco wollte mitkommen, aber das wäre zu teuer gewesen und so blieb er bei den Großeltern.
Als seine Mutter zurückkam, gab es ein Gespräch zwischen ihr und der Großmutter, bei dem er nicht dabei sein durfte. Danach sagten ihm die beiden Frauen, dass sein Vater ein böser Mann sei und im Gefängnis eingesperrt bliebe. Von da an redete keiner in der Familie mehr über seinen Vater. Marco versuchte, mehr zu erfahren, aber keiner sagte ihm etwas. Sein Vater war ein Outlaw, wie in einem Spaghetti-Western.

Das war vor vier Jahren gewesen. Seitdem war Marco selbst zu einem Outlaw geworden. Die Schule hatte er verlassen, weil er, so sagte man, einen schlechten Einfluss auf die Mitschüler hatte und der Schuldirektor den Austritt seiner Mutter empfahl. Sie wollte ihren Sohn zur Rede stellen, aber er zuckte nur mit den Schultern und schaute sie mit lauernden Augen von unten herauf an. Seitdem machte er nichts, hing ab mit anderen Gestalten, die auch keine richtige Beschäftigung hatten. Manchmal lief er Mitschülern von früher über den Weg und wechselte den Bürgersteig, wenn er sie Weitem sah. Manche riefen ihm „Fettsack“ nach. Er war wütend auf alle, aber das war auch normal, denn er war ein Outlaw und die anderen nicht. Seine neue Persönlichkeit zeigte er darin, dass er einen langen beigefarbenen Staubmantel trug. Er hatte es mit einem Cowboyhut versucht, aber als alle ihn deswegen auslachten, brachte er den Hut zurück und bekam einen Teil des Kaufpreises erstattet.

Wenn er nach Hause ging, versteckte er den Staubmantel unter einem Balken hinter dem Hühnerstall der Großeltern. Die Mutter hatte sich in die Großstadt abgesetzt und ihn zurückgelassen. Sein Großvater ignorierte ihn und die Großmutter schimpfte öfters mit ihm, wusste aber nicht, wie sie etwas bei ihm bewirken sollte.

Marco hatte versucht, mehr über seinen Vater zu erfahren. Nach seinem 18. Geburtstag wandte er sich an die deutsche Botschaft in Indonesien. Man schickte ihm eine Kopie des Gerichtsurteils mit einer kurzen deutschen Übersetzung. Sein Vater hatte sich an eine andere Urlauberin heranmachen wollen und dazu ihren Begleiter umgebracht. Er war zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dazu hatte der Botschaftsmitarbeiter die Adresse des Gefängnisses geschrieben. Marco hatte angefangen, einen Brief an seinen Vater zu schreiben, es dann aber gelassen. Er hatte noch nie an seinen Vater geschrieben und außerdem, Outlaws schrieben sich keine Briefe.

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