(23) Diane Herzog schaute auf den Kalender ihres iPhone.

von Alain Fux

Diane Herzog schaute auf den Kalender ihres iPhone. Noch vier Tage und dann war der Urlaub endlich vorbei. Sie war sehr verärgert mit sich selbst. Normalerweise fand sie, dass sie zu steif war und nie genug aus sich herausging. Dann passierte es einmal, dass sie spontan war. Der Typ in der Bar fragte, ob sie Lust hätte, mit ihm nach Bali zum Tauchen zu fliegen. Und sie sagte einfach ja. Eigentlich eine Sensation, auf die sie stolz sein könnte, wenn der Typ es nicht ernst gemeint hätte und wirklich diese Reise mit ihr antrat. Daniel war ein Schnösel, wie sie in solchen Bars immer abhingen, bereit sich auf Frischfleisch zu stürzen. Eigentlich war das ja auch der Grund, warum Diane dorthin ging. Üblicherweise blieb es beim Flirten. Vielleicht ein weiteres Date. Vielleicht Sex, einen One Night Stand oder mehr. Was man halt so macht, wenn man nicht vollständig vereinsamen möchte. Und dann kam sie nicht mehr raus aus der Zusage. Das wäre ja noch schlimmer gewesen. Erst spontan zusagen und dann Kopfschmerzen vortäuschen.

Aber jetzt wünschte sie, dass sie genau das getan hätte. Sie schaute von der Terrasse ihres Cottages zu der Bucht hinüber. Es war eigentlich alles traumhaft. Auch das erste Hotel war schon ganz außergewöhnlich, aber sie hatte rumgezickt, nicht wegen des Hotels, sondern wegen der Situation im Allgemeinen. Sie kam sich vor wie eine Prostituierte. Das hatte sie so nicht sagen wollen und so hatte Daniel ein noch besseres Hotel gebucht. Sie sollte sich schämen.

Sie wollte ins Haupthaus gehen und schauen, ob sie ein Buch finden konnte. Sie hatte zu wenig eingepackt, hatte nicht damit gerechnet, dass sie die meiste Zeit lesen würde. Sie setzte den Sonnenhut auf, zog einen dünnen Umhang über den Bikini und verließ das Cottage in Richtung des Empfangs. Sie fand einen Agatha Christie-Roman auf Englisch, dachte, dass das besser war als nichts und beschloss sich noch einen Kaffee an der Hotelbar zu genehmigen. Zu dieser Zeit waren die meisten Hotelgäste auf der Insel unterwegs, beim Angeln oder beim Tauchen.

Sie hatte schon einen Cappuccino bestellt, als sie bemerkte, dass die Amöbe hinten in der Ecke an der Bar saß. Amöbe hatte sie einen Mann getauft, der scheinbar alleine Urlaub im Hotel machte und eigentlich immer nur herumsaß und glotzte. Er war dick, richtig fett und hatte einen Kopf, der ohne Hals direkt auf den Schultern saß. Wie ein Kürbis zu Halloween. Seine Gesichtszüge bestanden eigentlich nur aus breiten Strichen für Schnurrbart und Augenbrauen. Dazwischen zwei dunkle Äuglein in einer Speckmasse. Sie fand, dass der Typ schon zum Anschauen widerlich war. Natürlich glotzte er rüber, während sie ihren Cappuccino trank. Sie kippte ihn schnell runter, damit sie wieder ins Cottage zurückkehren konnte. Im Hotel konnte sie sich nicht beschweren, denn der Typ machte nicht wirklich etwas Schlimmes. Daniel wollte sie nicht bitten, etwas zu unternehmen, dazu war sie zu stolz. Und alleine wollte sie die Amöbe auf keinen Fall ansprechen. Er sah einfach zu eklig aus.

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