(22) Daniel hatte seinem Bruder nie erzählt, wovon er lebte.

von Alain Fux

Daniel hatte seinem Bruder nie erzählt, wovon er lebte. Er genoss es, dass sein Bruder ihn für einen halbseidenen Typ hielt, der bestimmt seine Finger in illegalen Aktivitäten hatte. Wahrscheinlich wäre die Wahrheit für Gabriel am schockierendsten.

Während seines Studiums hatte Daniel einen Club betrieben, der gut lief. Irgendwann kostete es ihn zu viel Zeit und er fand einen Käufer, der ihm gutes Geld zahlte. Dann bekam Daniel einen Aktientipp. Er setzte alles ein, ein Risiko, dass er seither nie wieder eingegangen war, und gewann. Er wiederholte diese Art von Spekulationen und fand heraus, dass er bei Börsengeschäften ein gutes Händchen hatte. Was er ebenfalls dabei genoss, war dass er bei dieser Art Aktivität viel Geld mit wenig Aufwand verdienen konnte. Er lebte gut von der Rendite und während sein Bruder Gabriel tagaus tagein in der Firma schuftete, verbrachte Daniel eine angenehme Zeit. Oft war er auf Reisen und mithilfe der modernen Kommunikation, wusste niemand, wo er gerade war. Nachdem er mit Gabriel telefoniert hatte, vertiefte er sich wieder in ‚Das kurze glückliche Leben von Francis Macomber‘, einer Kurzgeschichte von Hemingway.

Zugegebenermaßen war dieser Tauchurlaub auf Bali nicht die Sternstunde seines Lebens. Er hatte Diane Herzog erst Kurzem kennengelernt. Sie schien eine offene und unkomplizierte Frau zu sein. Er hatte sie vom Fleck weg zu dem Urlaub eingeladen. Das tat er oft, denn er konnte es sich leisten und meistens war es aufregend mit einer unbekannten Frau zu verreisen. Diane hatte spontan zugesagt, aber zuerst hatte sie nicht damit gerechnet, dass er es ernst meinte. Jetzt war er mit ihr in einer der besten Tauchgegenden der Welt und sie sagte, dass sie auf keinen Fall tauchen wollte. Das Hotel gefiel ihr nicht und selbst als sie in das luxuriöseste Haus in der Gegend, das Naya Gawana, umzogen, war sie immer noch nicht zufrieden.

Irgendwann hatte Daniel beschlossen, die Zeit zu genießen und sich nicht weiter um Diane zu kümmern.

Dann kam Eddy, der Dive Guide, und holte ihn ab. Mit dem Motorboot fuhren sie in die Secret Bay und ließen sich vom Boot ins Wasser sinken. Das Wasser war so kalt wie erwartet und die Sicht war etwas trüb. Auf sieben Meter Tiefe hatten sie bereits den Grund erreicht und suchten den von vielen Salatalgen bedeckten Meeresboden nach exotischen Tieren ab. Über ihnen drehte ein ganzer Schwarm von Kardinalsbarschen seine Runden. Daniel war völlig losgelöst von allem, womit er sich vor dem Tauchgang beschäftigt hatte. Es existierte nicht mehr. Ein leises metallisches Klingen lenkte seine Aufmerksamkeit zu Eddy, der mit einem Stab an seine Tauchflasche geschlagen hatte. Mit der Spitze des Stabs deutete er auf den Meeresboden. Daniel ließ sich tiefer sinken und erkannte einen Geisterpfeifenfisch, der aussah wie ein mit Dornen überzogener Zweig. Die beiden Taucher nahmen den Fisch in ihre Mitte und beobachteten, wie er sich mit kaum sichtbaren Bewegungen weiterbewegte. Daniel gab Eddy das Daumenhoch-Zeichen. Ohne den Guide hätte er diesen Fisch nicht entdeckt. Während Daniel sich weiter die exotische Kreatur ansah, schwamm Eddy mit leichten Flossenschlägen weiter, immer den Blick fest auf den Meeresgrund gerichtet.

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