(20) Gabriel Michels sah sich nie als Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes.

von Alain Fux

Gabriel Michels sah sich nie als Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes. Sein Unternehmen entwickelte und produzierte lediglich Radsysteme für Hubschrauber, von denen die meisten für das Militär bestimmt waren.

Er hatte gerade den Einkäufer seines wichtigsten Kunden zu Besuch und führte ihn nach einem arbeitsreichen Tag voller Besprechungen am Abend aus. Flip Rainier hatte, auf Nachfrage Michels, nach einer alternativen Art von Unterhaltung gefragt. Michels hatte diesen Wunsch an seine Sekretärin weitergegeben, die daraufhin das Eventzelt auf dem Kronenmarkt vorschlug. „Da gibt es Zauberer, Messerwerfer, Jongleure… Ganz verrückt, aber richtig gut. Da war ich selbst schon mal.“ Für Michels schien das ‚alternativ‘ genug und er sagte, sie solle zwei Karten besorgen.

So saßen er und Flip in der Veranstaltung. Die Nummern bisher waren nicht sehr unterhaltsam gewesen, aber Gabriel Michels ging eigentlich nie zu irgendwelchen Veranstaltungen dieser Art und konnte daher nicht abschließend sagen, ob diese spezielle Veranstaltung gut war oder nicht. Den Zauberer mit dem „künstlichen“ Menschen hatte er interessant gefunden und sich gefragt, worin der Trick wohl bestünde.

„Do you like it?“, fragte er Flip, während auf der Bühne ein mexikanisch gekleideter Mann mit Messern auf seine Partnerin warf. Flip war ganz nach unten in den Sessel gerutscht. Er schaute Michels mit gerunzelter Stirn an und setzte sich wieder auf. Er erklärte, dass er unter alternativer Unterhaltung etwas anderes verstanden hätte. Michels antwortete, dass das in der Natur der Sache lag, denn ‚alternativ‘ war ja immer anders. Das schien Flip nicht ganz zu verstehen, und er erklärte, dass es ein langer arbeitsreicher Tag gewesen sei und er sich nach ein wenig Ablenkung gesehnt hätte.

Michels schaute ratlos zur Bühne, wo der Pseudo-Mexikaner mittlerweile seine Messer durch Wurfäxte ersetzt hatte. Im Vergleich zu dem restlichen Tag schien Michels dieses Spektakel schon vollständig anders zu sein.

„Look here, Gabe“, sagte Flip schließlich, „I meant something involving girls. Loose girls, girls with questionable morals…“ Bei Michels fiel der Groschen. Zur Sicherheit fragte er, ob Flip ins Bordell gehen wollte. „Certainly not, don’t be tasteless“, antwortete sein Besucher. „That is what I meant when I said ‚alternative‘. No brothel.“ Langsam verstand Michels die seltsamen Bemerkungen aus anderen Meetings mit seinen Kunden. Aber das war jetzt kein Thema. Er musste eine Aktivität finden, das seinen wichtigsten Geschäftspartner zufriedenstellte.

„Excuse me, I need to make a call“, sagte er zu Flip und ging über die oberen Ränge aus dem Zelt in Richtung Toiletten. Er rief seinen Bruder Daniel an. Wenn es um Bumslokale ging, dann war Daniel der Richtige. Und es war mal eine Gelegenheit, dass sich sein Bruder revanchierte. Es kam selten vor, dass Gabriel etwas von ihm wollte. Eine Alternative zu einem Bordell… Was könnte das sein?

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