(19) Meine hoch verehrten Damen und Herren!

von Alain Fux

„Meine hoch verehrten Damen und Herren! Ich habe jetzt die große Ehre und die Freude Ihnen einen der besten Magier aller Zeiten vorstellen zu dürfen: den Großen Zappei!“ Harry Nitschke ging zur Seite und der Vorhang öffnete sich. Nach kurzer Zeit trat ein Magier im schwarzen Umhang und mit Zylinder auf die Bühne. Die Zuschauer klatschten etwas gelangweilt. Nitschke lächelte wissend.

Der Große Zappei, dessen Gesicht von einem gepflegten, spitz zulaufenden Vollbart in Schwarz dominiert wurde, befreite sich von Cape und Zylinder. Darunter trug er einen Frack. Er begann seine Nummer. Nitschke musste sich immer wieder eingestehen, dass der Mann einfach gut war und eine Aura hatte, mit der er in Kürze den gesamten Raum unter der Zeltplane in seinem Bann hatte. Jedes Mal nahm Nitschke sich vor, etwas zu lernen und es selbst anzuwenden, aber dieses Etwas war einfach nicht zu isolieren.

„Die Welt redet von der Erschaffung eines künstlichen Menschen. Ich aber, ich habe ihn bereits geschaffen“, dröhnte Zappei und ließ seinen Worten ein teuflisches Lachen folgen. Es wurde kurz dunkel, eine Zündkapsel explodierte mit Schwefelgestank, die Nebelmaschine lief kurz auf Volltouren und dann stand das Faktotum auf der Bühne. Ein Raunen ging durch die Menge, denn es handelte sich um eine Person in Darth Vader-Kostüm. Der Helm war natürlich das Augenfälligste. Sonst trug die Person ein schwarzes Cape und darunter eine schwarze Ledermontur. Natürlich hatte es deswegen auch bereits Briefe von Rechtsanwälten gegeben und natürlich waren sie bei Nitschke gelandet. Aber der visuelle Effekt war einfach zu gut und zu prägnant. Da die Truppe ständig in Bewegung war, war eine ernst zu nehmende Verfolgung durch Industrial Light & Magic gar nicht so einfach. „Wer traut sich denn schon, einen Magier zu verklagen“, hatte Zappei höhnisch gemeint und die Freistellungserklärung mit Bravado unterzeichnet.

„Sie sehen hier einen künstlichen Menschen. Möge er bitte einmal durch das Publikum gehen.“ Das Faktotum ging die Treppe hinunter zu den Zuschauern, einen Aufgang hoch bis zu den Rängen, dann hinten herum zu dem zweiten Aufgang wieder herunter zurück auf die Bühne. Alle hatten sich davon überzeugen können, dass sich aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mensch unter der Kostümierung verbarg. Darth Vader stellte sich wieder neben Zappei auf.

„Ich werde jetzt zeigen, aus welchen Teilen dieser künstliche Mensch zusammengesetzt ist.“ Zappei fixierte das Faktotum an den Gliedmaßen, der Brust, dem Hals und dem Kopf mit dicken schwarzen Kabelbindern an eine Gitterwand, die auf der Bühne stand. Mit sehr dramatischen Bewegungen und Erklärungen begann er, die einzelnen Gliedmaßen vom Rumpf zu trennen und zu zeigen, dass es sich um Prothesen handelte. Ein Bein zeigte er in der ersten Reihe sogar aus nächster Nähe und ließ sich bestätigen, dass es ein künstliches Gliedmaß war. Als das Faktotum nur noch mit Torso und Kopf an dem Gerüst hing, trennte Zappei mit einem Handgriff den Unterleib ab und zeigte, dass darin nur ein Zahnradmechanismus enthalten war. Währenddessen, das Publikum atmete kollektiv und mit einem Ruck ein, bewegte sich der Brustkorb und der Kopf schüttelte sich, als ober er sich befreien wollte. Zappei zog den Brustkorb auf Halshöhe nach unten weg und zeigte, dass auch darin Zahnräder waren. Er stellte das Teil ab. Jetzt hing nur noch der Helm mit dem Kopf darin am Gerüst. Der Suchscheinwerfer war voll darauf gerichtet. Zappei nahm den Helm ab, dann noch eine Klappe und neigte dann den Kopf des Faktotums nach vorne, sodass die Zuschauer sehen konnten, dass darin ein nass glänzendes Gehirn lag. Als Zappei hineingriff, hielt das Publikum den Atem an. Der Magier hielt das Hirn in beiden Händen, es schien sogar zu zucken. Er brachte es nach vorne und zeigte es den Zuschauern. An dieser Stelle kam es immer wieder vor, dass Zuschauerinnen in Ohnmacht fielen. Deshalb hatte Nitsche den Zuschauerraum fest im Blick, jederzeit bereit, den Sanitäter hinaus zu schicken.

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