(18) Jemand pochte drei Mal mit der Faust an die Tür des Wohnwagens.

von Alain Fux

Jemand pochte drei Mal mit der Faust an die Tür des Wohnwagens. „Harry, wir haben ein Problem mit der Beladung der Zeltplane!“ – „Ich komme, trinke noch meinen Kaffee zu Ende.“

Die Schritte im Kies entfernten sich. Harry Nitschke riss die Seite mit dem Supergirl-Foto aus der Zeitschrift, schaute es noch einmal genau an. Dann faltete er die Seite zusammen und legte sie in seine Brieftasche. Nach der letzten Vorstellung hatte die Zeitschrift im Zuschauerraum gelegen und das Wort „Supergirl“ auf dem Titel hatte ihn gleich angezogen. Den Text des Interviews hatte er nur kurz überflogen. Er war nichtssagend. Auch das Foto von Polly Cunningham als ältere Dame, die sie jetzt war, interessierte ihn nicht. Es war das Supergirl-Foto von damals, das Erinnerungen in ihm hochkommen ließ. Der Film hatte Harrys Bild seiner Idealfrau geprägt. Sie sollte genau so sein und aussehen wie Supergirl. Natürlich gab es solche Frauen in Wirklichkeit nicht, das wusste er schon damals. Aber er hegte immer die Hoffnung danach und war nicht zu Kompromissen bereit gewesen. Damals schien es nur schlüssig zu sein, dass Supergirl noch am ehesten auf dem Rummelplatz zu finden sei. Und so hatte er in einem Jahrmarktbetrieb angeheuert und war mit auf Tournee gegangen.

Zuerst half er beim Auf- und Abbau. Dann hatte er kleine Auftritte als Starker Mann mit Gewichten und Ketten. Dabei fühlte er sich aber nicht so wohl. Es war nicht in seinem Blut, im Scheinwerferlicht zu stehen. Zeitweise vertrat er auch den Conférencier bei der Ansage der Darbietungen, aber dafür war er nicht verkäuferisch genug. Er konnte die Zuschauer nicht anheizen. Aber, er war ein guter Organisator und darin bestand seine Aufgabe jetzt. Den Auf- und Abbau des großen Zeltes zu leiten, junge Leute einzuführen, die vielen praktischen Probleme zu lösen, die sich bei der Herumreiserei immer stellten – das war es, was er am besten konnte.

Eine Frau, die auch nur annähernd so war wie Supergirl, hatte er nirgendwo getroffen. Manche sahen fast so schön aus, andere waren ähnlich selbstbewusst oder stark. Aber keine vereinte alle diese Eigenschaften auf sich selbst.

Harry trank den Rest des Kaffees und schraubte den Deckel wieder auf die Thermosflasche. Er zog die karierte Jacke mit dem Schaffellkragen an und knöpfte sie fest zu. Es war sehr kalt draußen und der Wind blies um die Ecken. Die Zeitschrift steckte er in die Mülltüte, die er zuband und mit nach draußen nahm. Wer viel reist, sollte so wenig Ballast wie möglich dabei haben. Das war einer der Sprüche, den er jungen Leuten, die ein Leben auf dem Jahrmarkt beginnen wollten, immer als Erstes mit auf den Weg gab. Er verließ den Wohnwagen und warf den Müllsack in einen Container. Dann ging er in Richtung des Sattelschleppers, der die Zeltplane aufnehmen sollte.

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