(17) Haben Sie denn noch Ihr Supergirl-Kostüm von damals?

von Alain Fux

„Haben Sie denn noch Ihr Supergirl-Kostüm von damals?“, fragte der Reporter erwartungsvoll. Polly Cunningham schaute den jungen Mann mit der dunklen Lockenmähne etwas streng an, bevor sie antwortete. „Sie haben da ganz falsche Vorstellungen. Ich habe in der Rolle nur diesen einen Film gedreht. Der Dreh hat drei Wochen gedauert und danach hatte ich nichts mehr damit zu tun. Ich habe den Film danach nicht einmal angesehen. Außerdem ist das 30 Jahre her.“

Sie fragte sich, ob der junge Mann, der sich als Danny Stamp vorgestellt hatte, wirklich zuhörte. Nervös schaute er nach, ob das Aufnahmegerät, das er auf Pollys Couchtisch zwischen sie gelegt hatte, auch wirklich funktionierte. Er hatte gesagt, dass er für ein Comic-Magazin schrieb.

Natürlich hätte sie lieber über ihre Bühnenrollen gesprochen oder über ein paar wirklich wichtige Filme, bei denen sie in der Besetzung war. Zugegebenermaßen waren das viel kleinere Rollen gewesen. Aber all das schien keinen mehr zu interessieren.

Vor zwei Jahren hatte irgendein fanatischer Filmfreak herausgefunden, wo die Darstellerin von Supergirl wohnte, und hatte sie mit Briefen und Anrufen bombardiert. Als sie sich eine Geheimnummer hatte geben lassen, war er irgendwann persönlich aufgetaucht. Zuerst dachte sie, dass es der Paketbote sei. Dann erkannte sie die Stimme, schlug die Haustür zu und rief den Sheriff.

Dieser Freak hatte aber irgendwo einen Artikel veröffentlicht und danach kamen noch mehr Briefe. Die Leute im Postamt waren so nett und teilten ihre Post schon auf, sodass sie das meiste gleich wieder wegwerfen konnte. Und dann kam der Anruf von Danny Stamp. Er wollte nicht sagen, wie er die Telefonnummer herausgefunden hatte. Als er ihr versprach, die Geheimnummer nicht weiter zu geben und auch ihre Adresse nicht zu veröffentlichen, hatte sie einem Interview zugestimmt.

„Wie hat denn die Rolle des Supergirl ihr Leben verändert?“ Pollys Augen schweiften ins Leere. Dann gab sie sich einen Ruck und sagte: „Nun, es hat mir danach natürlich viele Türen geöffnet.“ Sie sah sofort, dass Danny jetzt erleichtert war, endlich das zu hören, was er schon immer vermutet hatte. „Nun ja“, fuhr sie fort, „Supergirl ist eine sehr selbstbewusste, schöne Frau. Sie hat eine gewisse Art, mit Männern umzugehen. Nachdem der Film herausgekommen war, war es aber nicht nötig, dass ich mein Benehmen änderte, das machten die Männer ganz von alleine. Eigentlich hat die Rolle nicht mich verändert, sondern die Art, wie meine Umwelt mich wahrgenommen hat.“ – „Interessant!“, sagte Danny und wischte sich insgeheim die feuchten Handflächen an seiner Jeans trocken. „Was war das denn für ein Gefühl, so über Nacht die Traumfrau aller Männer geworden zu sein?“

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