(16) Es war ein langer, tiefer Fall gewesen.

von Alain Fux

Es war ein langer, tiefer Fall gewesen. Aber Michael hatte nicht geschrien und er war auch nicht aufgewacht. Den Aufprall hatte er gar nicht gespürt. Er lag nur da im Sand, die Sonne schien und ein leichter Wind fachte Staubkörnchen an. Der Wind wurde stärker und rauschte. Er zerrte an ihm, hin und her. Aber Michael blieb einfach liegen. Dann war es wieder still.

Nach einer Weile stand er auf. Er hatte Hunger und Durst, aber sonst fühlte er sich gut. Die Sonne stand bereits tiefer und er bewegte sich auf sie zu. Nach Westen zu gehen war immer das Beste. Neben ihm rollten die Steppenläufer vorbei, getrieben vom Wind, der auch ihn antrieb. Sein Mund war recht trocken. Sein Bauch grummelte. Er hätte wirklich Proviant mitnehmen sollen. So reiste er wie ein Anfänger durch diese unwirtliche Gegend.

Er sah neben sich eine Straße aus dem staubfarbenen Einerlei auftauchen. Im Verlauf kam sie auf ihn zu und er ging dann auf ihr weiter. Irgendwohin musste sie ja führen, denn sonst gäbe es sie ja nicht. Es musste noch jemand anders geben.

Dann sah er Weitem das Hinweisschild einer Tankstelle. Dahinter ein zweites Schild mit ‚Turner’s Snacks & Provisions‘. Na also. Michael beschleunigte den Schritt. Doch als er sich den Häusern näherte, erkannte er, dass die Fenster und Türen mit Brettern vernagelt waren. Nur ein Windrad drehte sich mit einem immer wiederkehrenden Kreischen in der mäßigen Brise. Der Ort war verlassen, schon vor langer Zeit. Michael setzte sich auf die Veranda vor dem Imbiss, legte den Kopf auf die Knie und weinte. Er sah sich schon hier an dieser Stelle tot im Staub liegen.

Als er ein Scharren im Sand hörte, schaute er langsam auf. Zuerst sah er ihre roten Stiefel, in denen ihre makellosen Beine steckten. Auf Kniehöhe fing das rote Cape an, dann der rote Minirock, der gelbe Gürtel, das blaue Top mit dem Superman-Logo… Vor ihm stand Supergirl und schaute ihn mit vor der Brust verschränkten Armen an.

„Ich bin Supergirl“, sagte sie. „Ich bin hier, um dich zu retten.“ Ihre langen blonden Haare glänzten in der Sonne. Das Licht war so hell, dass Michael ein Auge zukneifen musste. Er wollte ihr in die Arme laufen, aber er fühlte sich gelähmt. Auch als sie ihm die Hand ausstreckte, konnte er seinen Arm nicht bewegen.

„Ich verstehe“, sagte sie. Sie kam auf ihn zu und hob ihn hoch. Das schien ihr nicht schwerzufallen, aber schließlich war sie ja auch Supergirl. Sie trug ihn von der Veranda ins Freie, stieß einen Arm in die Höhe und schon spürte Michael, wie sie abhoben. Als er nach unten schaute, war das Schild von Turner’s Snacks & Provisions bereits sehr klein unter ihnen. Obwohl er Höhenangst hatte, fühlte er sich bei Supergirl geborgen. Er legte seinen Kopf an ihre Brust und schloss die Augen.

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