(14) Vorsichtig streckte Dave Spinner sein Bein aus.

von Alain Fux

Vorsichtig streckte Dave Spinner sein Bein aus. Bei dem langen Warten auf dem Hochsitz tat es gut. Heiko, der deutsche Jagdgast mit dem unaussprechlichen Nachnamen, starrte stoisch hinaus in die Morgendämmerung. Er hatte einen Sikahirsch gebucht und dies war der zweite Tag, an dem sie beim Tagesanbruch auf ein hoffentlich stattliches Trophäentier warteten. Für Oktober war es noch ganz angenehm warm, aber die Nächte waren schon länger geworden. Zwei weitere Tage und Heikos Urlaub war zu Ende. Dann würde Dave Jane wiedersehen. Wenn es bei ihr passte, denn er hatte sie noch nicht gefragt. Sie könnte jemand finden, der viel besser war als er. Ein Naturheini wie er, der sich draußen im Wald ganz gut zurechtfand, aber in der Stadt so unbeholfen war, wie ein Dachs mit einer Angelrute. Der von Kunst und Kultur keine Ahnung hatte, dafür aber einen Hirsch so schnell aufbrechen konnte wie kein zweiter. Was man aber in der Stadt nicht brauchte.

Heiko Taugerbeck saß neben ihm und dachte an seine Frau Henriette. Als er die Jagdreise gebucht hatte, hoffte er, dass sie ihn begleiten würde. Nicht zur Ansitzjagd selbst, das wäre zuviel verlangt gewesen. Aber zumindest nach Gloucestershire, um im Hotel auf ihn zu warten. Den Sikahirsch wollte er unbedingt, danach hätten sie einfach entspannt Urlaub gemacht. Henriette hatte nur gefragt, wie viel die Jagdreise kostete und dann für den gleichen Preis eine Kreuzfahrt gebucht. Es wäre natürlich richtig gewesen, mit ihr zu gehen und den Hirschen irgendwann später zu schießen. Aber Heiko war blockiert gewesen, denn er hatte sich auf die Jagdreise gefreut. So hatte er darauf bestanden, nach England zu fliegen. Und da war er jetzt und konnte sich doch nicht darüber freuen. Er hoffte, dass es Henriette wenigsten genauso erging auf ihrer Kreuzfahrt.

Dann sah er draußen auf der Lichtung eine Bewegung. Etwas Größeres musste es sein. Er blickte zu Dave, der seinen Blick in den Himmel gerichtet hatte. Er schien in Gedanken verloren. Das große Tier kam weiter aus dem Wald heraus und Heiko erkannte, dass es ein Sikahirsch war. Ein stattliches Tier. Es hatte die weißen Flecken fast schon ganz verloren. Nur das Geweih konnte Heiko nicht ausmachen.

Dave reagierte immer noch nicht. Heiko dachte schon, dass er vielleicht eingeschlafen sein könnte, aber er konnte die leichte Reflexion in den Augen erkennen. Der Hirsch stand immer noch da, wie auf einem Servierteller. Es wäre gegen die Regeln, ihn einfach zu schießen, ohne Zustimmung des Wildhüters. Heiko stieß Dave mit dem Fuß leicht an. Der Berufsjäger zuckte zusammen und stieß mit dem Arm die Thermoskanne mit Tee von der Holzbank. Mit einem dumpfen Knall fiel sie auf den Boden des Hochsitzes. Aus den Augenwinkeln sah Heiko nur noch die weiße Farbe des Spiegels an den Hinterläufen des Tieres, bevor es im dunklen Wald verschwand. Dave kniff die Augen zusammen, als ob er litt. Heiko klopfte ihm beruhigend mit der Hand auf das Knie. So ein Patzer konnte jedem mal unterlaufen.

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