(13) Jasper Joyner war ein netter alter Herr gewesen.

von Alain Fux

Jasper Joyner war ein netter alter Herr gewesen. An seinen letzten Lebenstagen war er zwar etwas mürrisch geworden, aber sonst hatte er zu Janes liebsten Patienten gehört. Jane Albright hatte gerade Joyners persönliche Sachen sortiert. Ein Haufen für die Angehörigen, ein Haufen für den Müll. Die Verwaltung hatte eine Adresse, wohin der erste Haufen geschickt werden sollte. Er war recht klein. Ein Packen Fotos, ein paar offizielle Papiere, ein vergoldeter Kugelschreiber und eine Brille. Mehr war da nicht. Als sie zuerst Altenpflegerin geworden war, hatte es sie traurig gestimmt, dass alle Menschen, die sie betreute, in ihrer Obhut starben. Jetzt gehörte es zum Job. Altenpflege war eine Einbahnstraße.

Jane schaute auf die Uhr. Es war Zeit für Germaine Rodgers Bad. Germaine war die dickste Bewohnerin des Cavendish Nursing Home. Alle zwei Wochen musste sie gebadet werden, weil dann auch das stärkste Duftwasser nichts mehr ausrichten konnte.

Jane holte den Krankenlifter aus dem Abstellraum und rollte ihn zu Germaines Zimmer. Das Gerüst des Lifters erinnerte sie an das Gestell, das sie bei Dave gesehen hatte. Er benutzte seines, um abgeschossene Wildtiere kopfüber aufzuhängen. So konnte er sie besser ausweiden. Dave war Berufsjäger, einer von denen, die reiche Touristen zum Wild brachten. Manchmal brachten sie auch das Wild zu den Touristen. Jane hatte ihn über ihren Schwager getroffen, der den Bruder von Dave kannte. Wie das halt so ging, wenn man selbst nicht viel unter die Leute kam. Wenigstens hatte Dave kein Problem mit ihrem Job gehabt. Nicht wie dieser Idiot, den sie mal getroffen hatte und der völlig schlappmachte, als er hörte, dass sie sich um alte Menschen kümmerte. Und der Typ war selbst Gebrauchtwagenhändler! Dave war da anders. Ein stiller Typ, eigentlich ein Naturkerl, dem nichts fremd und keine Aufgabe zu dreckig war. Der hätte auch kein Problem mit Germaine Rogers gehabt, dachte sie als sie den Lifter in Germaines Zimmer schob.

Die alte Dame saß auf dem Bett und protestierte, als Jane ins Zimmer kam. „Es muss sein“, sagte Jane nur. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass eine Diskussion zwecklos war. Jane hatte sich angewöhnt, nicht mehr hinzuhören und einfach das zu machen, was gemacht werden musste.

Sie legte das Netztuch neben Germaine auf das Bett. Es war eine mühevolle Arbeit, der alten Dame das Nachthemd und die Windel auszuziehen. Zeitweise musste Jane die Luft anhalten, obwohl sie sonst sehr unempfindlich war. Dann schob sie Germaine das Hebetuch unter, positionierte den Lifter über sie und hob die Patientin an. In der Position würde sie Germaine einseifen und abbrausen können, ohne sie noch einmal hinzusetzen. Sie legte ein großes Frotteetuch über die Fettwülste der Patientin und fuhr dann mit ihr auf den Gang in Richtung Baderaum. Hoffentlich würde Germaine so lange dichthalten, bis sie ihr wieder eine Windel anlegen konnte.

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