(9) Elvira bereute es nicht, dass sie Hugh überredet hatte, im Hotel zu essen.

von Alain Fux

Elvira bereute es nicht, dass sie Hugh überredet hatte, im Hotel zu essen. Er hatte den größten Teil der drei Flaschen Wein getrunken und nachher noch ein paar Whiskeys. Auf dem Weg zum Aufzug war sein Gang nicht mehr ganz stetig. Sie wusste nicht, ob er ihr den Arm aus Vorfreude oder zur Sicherheit um die Taille gelegt hatte. Als sie in der Suite ankamen, wollte Hugh auf den Balkon. Sie begleitete ihn. Der frische Wind, der vom Meer herein blies, tat ihnen beiden gut. Elvira löschte das Licht in der Suite und mit dem Swimming Pool, der blau von unter heraufleuchtete, war es sogar etwas romantisch. Trotz Hughs unterdrücktem Aufstoßen.

Sie hatte den fünfzigjährigen Schotten bei einem Abendessen von Bazarov kennengelernt. Elvira wurde öfters von Bazarovs Leuten engagiert und die Bezahlung war immer gut. Manchmal hatte sie Sex mit einem oder mehreren der Gäste des Oligarchen, das wurde immer extra und großzügig bezahlt. Manchmal war sie nur da als Dekoration, damit es nicht nur um Geschäfte ging. Soweit sie verstanden hatte, war Hugh ein Fischgroßhändler und verhandelte mit Bazarov über eine Ausfuhrlizenz für Kaviar. Bei dem Abendessen hatte es sehr viel und sehr guten Kaviar gegeben. In der allgemeinen Alkoholseligkeit sagte Bazarov Hugh zu, ihm die Lizenz zu verschaffen, gegen entsprechende Bezahlung. Nach dem Essen hatte sie den Schotten ins Hotel begleitet. Aber das Gemächt des Fischhändlers hing an ihm herunter wie eine frittierte Schillerlocke. Er war zu nichts mehr fähig gewesen. Sie war über Nacht geblieben, weil es so ausgemacht war. Am nächsten Tag hatte Hugh sie selbst engagiert und spontan auf eine Karibikreise eingeladen. Zuerst hatte sie gezögert, ob sie Bazarov fragen müsste, hatte aber dann beschlossen, ihr Glück in die eigenen Hände zu nehmen. In der Karibik war es sonnig und warm, Hugh zahlte gut – was sollte daran falsch sein.

Jetzt stand sie mit Hugh auf dem Balkon, hoch über dem Swimming Pool. Hugh sagte, dass ihm heiß sei und er zog Hemd und Hose aus. „Findest du, dass ich gut aussehe?“, fragte er sie. Sie nickte, denn es gab niemand, der ihr widersprechen würde. „Keinen Tag älter als 30“, schmeichelte sie ihm. Er ging ins Zimmer und holte eine Flasche Champagner aus der Minibar. Mit Expertise öffnete er die Flasche, der Korken poppte und flog im Bogen nach unten in den Pool. Sie tranken beide abwechselnd aus der Flasche.

„Weißt du“, sagte er, „durch den Deal mit Bazarov werde ich wahrscheinlich nach Russland ziehen und dort einen großen Teil meiner Zeit verbringen. Und vielleicht auch viel Zeit mit dir, Elvira. Na, wie wär’s?“ – „Du bist doch verheiratet, Hugh.“ Er wurde plötzlich ernst. „Das stimmt, aber wir können trotzdem viel Spaß haben, du und ich. Glaubst du mir nicht?“ Sie nickte. „Ich glaube dir.“ Er schaute hinunter. „Wenn ich hier vom Balkon in den Pool springe, glaubst du mir dann?“ Sie lachte, weil sie nicht glaubte, dass er es wagen würde. Als er dann aber mit nackten Füßen auf die Brüstung stieg und sich am zusammengerafften Sonnenschirm festhielt, lachte sie nicht mehr. „Komm herunter, das ist gefährlich.“ Jetzt lachte er. „Und glaubst du mir jetzt?“ Dann sprang er, mit den Füßen voran. Wenn er sich ein wenig mehr abgestoßen hätte, wäre der Sprung vielleicht geglückt. So aber drehte er sich im Fallen etwas nach hinten und sein Kopf schlug mit dem dumpfen Knall einer Wassermelone auf der Kante des Überlaufs auf. Hirnmasse spritzte über die Fliesen, er war sofort tot.

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