(6) Als Alexandra nach Ladenschluss zu Hause ankam, stand das Geschirr vom Frühstück immer noch in der Spüle.

von Alain Fux

Als Alexandra nach Ladenschluss zu Hause ankam, stand das Geschirr vom Frühstück immer noch in der Spüle. Ilja, ihr Mann, saß auf der Couch und schaute fern. Er hatte in der Wohnung geraucht, obwohl sie ihm noch gestern das Versprechen abgenommen hatte, es sein zu lassen. Wenigstens war er nicht betrunken. Er sagte nichts und schaute weiter angestrengt auf den Bildschirm, als ob es um Leben und Tod ginge. Demonstrativ öffnete sie das Fenster zum Lüften. Später, als sie ihn aufforderte, das Gemüse zu schälen, tat er es ohne größeren Widerwillen. Nach dem Essen waren beide besser aufgelegt. Er fragte nach ihrem Tag und sie berichtete über Babuschka Olga und den Partys der Oligarchen, von denen sie in den Zeitschriften gelesen hatte. Die Partys erwähnt zu haben, bereute sie aber gleich wieder, weil Ilja sofort anfing, über die neureichen Verbrecher zu schimpfen. Seitdem das Stahlwerk, in dem er gearbeitet hatte, von Bazarov gekauft und geschlossen worden war, versäumte er es nie, sich über diese neue Klasse von Sozialschmarotzern aufzuregen.

„Igor Grigorewitsch Bazarov!“ Jedes Wort sprach Ilja aus, als ob es ausspuckte. Alexandra seufzte und fing an, den Tisch abzuräumen. Warum hatte sie nicht darauf geachtet, was sie sagte? Bis Ilja sich wieder beruhigt hatte, würde es länger dauern, als sie zum Abwasch brauchte.

„Deine Kunden amüsieren sich über Leute wie Bazarov. Die geile Glitzerwelt der Reichen. Die Partys, Autos, Frauen, Juwelen… Das kommt alles von Leuten wie mir, aus denen sie das rausgepresst haben. Deine Kunden amüsieren sich auf meine Kosten.“

Alexandra ließ den Teller wieder zurück ins Spülwasser gleiten und drehte sich zu Ilja um. Das Wasser tropfte von ihren gelben Gummihandschuhen auf den Linoleumboden.

„Ich würde eher sagen, dass du dich hier auf meine Kosten amüsierst. Den ganzen Tag nur Rumsitzen und Dreckmachen. Und mir dann Abends vorhalten, dass meine Kunden sich auf deine Kosten amüsieren.“

Noch bevor sie den letzten Satz beendet hatte, war Ilja mit seinen Zigaretten auf den Balkon geflüchtet. Sein Gesicht im Licht des Streichholzes hatte keinen Ausdruck. Er warf das Streichholz über die Brüstung und sah dem schnell verlöschenden Feuerschweif nach. Ilja brauchte unbedingt einen Job. Vielleicht könnte er ja Olgas Neffen dabei helfen, Bargusinischen Zobel zu fälschen.

Advertisements