(5) Mit großer Neugier verschlang die alte Dame die Fotos der Schönen und Reichen…

von Alain Fux

Mit großer Neugier verschlang die alte Dame die Fotos der Schönen und Reichen, wie sie sich in Moskaus Nachtleben tummelten. Sie befeuchtete ihren Daumen und blätterte fasziniert in der Zeitschrift. Sie begutachtete und verglich die Abendkleider, den Schmuck, und natürlich auch die Kavaliere. Auch wenn sie nicht so jung waren wie ihre Begleiterinnen, so strahlten sie doch Kraft und Männlichkeit aus. Sie waren voller Leben. Babuschka Olga seufzte, gerade als die Eieruhr neben der Trockenhaube schnarrte.

„Na Babuschka, schaust du dir wieder die Superpromis an?“, fragte Alexandra, als sie ihre Kundin von der Haube befreite. „Oh ja“, antwortete die alte Dame. „Das ist einer der Gründe, warum ich immer gerne zu dir komme. Ich kann mir das alles in aller Ruhe ansehen.“

Alexandra fragte nicht weiter. Sie wusste, dass Babuschka Olga ihre drei nichtsnutzigen Söhne zwar fest im Zaum hatte, aber ein einfaches Leben war es nicht. Die wöchentlichen Frisörbesuche waren der einzige Luxus der alten Dame und Alexandra freute sich schon immer auf sie. Sie sprachen dann immer über den neuesten Tratsch aus der Hauptstadt, die aktuellen Liebschaften der reichsten Männer und die unglaublichen Kleider ihrer Gespielinnen. In ihren Gesprächen herrschte eine Mixtur aus Bewunderung und Kopfschütteln.

„Was macht denn Ihr Neffe im fernen Ausland?“ Olgas Augen erhellten sich. „Ihm geht es gut. Er hat das Richtige getan. Es ist schade, dass meine Schwester das nicht mehr erleben konnte. Seine Geschäfte laufen fantastisch. Er ist so gut zu mir. Ohne ihn könnte ich ja gar nicht zu dir kommen, Alexandra.“

Die Frisörin begann die Lockenwickler aus den Haaren der Babuschka drehen. Die Strähnen waren sehr dünn und zerbrechlich. Sie ging ganz vorsichtig damit um.

Babuschka Olga dachte an etwas und kicherte leise. „Was gibt es zu lachen, Babuschka? Teile es mit mir“, sagte Alexandra. „Oleg hat mir geschrieben, dass er gerade eine ganze Lieferung Bargusinischen Zobel verkauft hat. Ein sehr gutes Geschäft für ihn.“ Alexandra lachte mit. „Oh ja, ein hervorragendes Geschäft. Den Zaren gibt es zwar schon lange nicht mehr, aber der Kronenzobel wird alles überdauern. Der gute Bargusinische Zobel…“

Beide Frauen lachten zusammen, bis Olga die Zeitschrift von dem Perlonkittel auf den Boden glitt und Alexandra der Kamm aus der Hand rutschte. Die Frisörin hob beides auf und legte der alten Dame die Zeitschrift wieder über das Knie. Dann fuhr sie mit ihrer Arbeit an den Lockenwicklern fort.

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