(4) Oleg Kapschinsky war rot angelaufen und rang nach Worten.

von Alain Fux

Oleg Kapschinsky war rot angelaufen und rang nach Worten. „Ich hatte nie gesagt, dass es keinen anderen Kragen gibt. Ihr Kragen war ein Meisterstück. Beste Qualität. Da können Sie überall fragen. Aber was soll ich machen, wenn ich nur gute Qualität habe? Ich bin Pelzhändler, Frau Kreinert!“

Die Soiree war natürlich ein Misserfolg gewesen. Lidas Hermelinkragen hatte den ganzen Abend im Mittelpunkt gestanden. Als Anna nach Hause gekommen war, hatte sie sich zunächst noch einmal Ewald vorgeknöpft. Jetzt stand sie vor diesem Wicht Kapschinsky, den sie mit ihren hohen Absätzen um Längen überragte. Immer wieder hielt sie ihm sein ehrloses Verhalten vor. Kapschinsky blieb nichts anderes übrig, als sich bildlich in den Staub zu werfen und Frau Kreinert auf sich herumtrampeln zu lassen. Woher hätte er wissen können, dass die beiden Frauen sich kannten und sich zu allem Überfluss am ersten Tag des Pelzerwerbs über den Weg laufen würden? Er hatte beiden Damen erstklassige Wahl zu einem vernünftigen Preis angeboten und das war der Dank. Als Frau Kreinert eine erneute Salve auf ihn losließ, hielt Kapschinsky die Hände vor Augen und gab vor, zu weinen. Er erzählte ihr von seinen Brüdern in der alten Heimat, Sergey, Alexey und Timofey. Sie hatten ihm geholfen, im Ausland Fuß zu fassen. Jetzt arbeiteten sie hart, um sich mit der Jagd auf Hermeline über Wasser zu halten. Die besten Pelze verkauften sie über dunkle Schmuggelwege an ihn, für seine Kunden. Dann gab es noch die Mutter, Babuschka Olga. Sie war alt, krank und brauchte eine teuere medizinische Behandlung. Oleg Kapschinsky hielt sie alle am Leben. Mit erstickter Stimme bat er Anna Kreinert um Vergebung.

Eigentlich waren Sergey, Alexey und Timofey nur seine Cousins und in der Regel so betrunken von illegal hergestellten Fusel, dass sie nicht einmal in der Lage waren die Mäuse zu fangen, die mit ihnen in ihrer heruntergekommenen Wohnung hausten. Aus Anhänglichkeit schickte Kapschinsky ihrer Mutter Olga jeden Monat Geld und er hatte den Verdacht, dass Olga nur einen Teil davon für sich selbst behielt. Zumindest konnte er damit sein schlechtes Gewissen beruhigen, seine Familie im Stich gelassen zu haben.

Frau Kreinert war immer noch nicht am Ende ihrer Vorwürfe angekommen. Sie schilderte noch einmal die extreme Erniedrigung, die sie am vorherigen Abend erleiden musste. Sie bezichtigte Kapschinsky erneut der Ehrlosigkeit. Kapschinsky bettelte um Gnade, beim Leben seiner Mutter Olga. Erst als er ihr einen exklusiven Zugriff auf eine Lieferung von 151 Bargusinischen Zobelfellen versprach, den er ihr zu einem günstigen Preis anbieten würde, wurde sie milder gestimmt. „Bargusinischer Zobel?“, fragte sie. „Ja, der Beste. Wird auch Kronenzobel genannt. Das Beste vom Feinsten. Unbeschreiblich“, antwortete Kapschinsky. Er zeigte ihr ein paar Fotos, die sein Zwischenhändler ihm aus Ulan-Ude per E-Mail zugeschickt hatte. Es war natürlich ärgerlich, dass er Frau Ullmann diese Fotos auch schon gezeigt hatte, aber die Situation in der Pelzbranche war so schwierig geworden, dass er darauf keine Rücksicht nehmen konnte.

„Wann erwarten Sie die Felle, Herr Kapschinsky?“, fragte Frau Kreinert. „Aber glauben Sie ja nicht, dass Sie damit vollkommen entschuldigt sind!“

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