(2) Ewald Kreinert war eigentlich kein großer Fan von Tanztheater.

von Alain Fux

Ewald Kreinert war eigentlich kein großer Fan von Tanztheater. Nur seiner Frau Anna zuliebe begleitete er sie manchmal, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Als Geschäftsführer eine Pharmagroßhandlung war er oft unterwegs und deshalb meistens entschuldigt. Anna fand jedoch, dass Kultur für ihren Ehemann wichtig war, damit er in der Geschäftswelt nicht verrohte, wie sie es ausdrückte.

Vor dem Besuch des „Hinkenden Uhrmachers“ hatte Kreinert sich nicht drücken können, obwohl die Kritiken sehr schlecht waren. Anna war unerbittlich. Wenn man nicht die schlechten Dinge wahrnahm, konnte man die guten nicht wertschätzen. Die Darbietung war dann aber doch spektakulär gewesen für Kreinert. Vor einem fast leeren Zuschauerraum produzierte sich ein einzelner Tänzer. Kreinert war schnell gefangen von der Intensität und der Selbstversunkenheit des Darstellers. Zum ersten Mal überhaupt war es Anna, die die Vorstellung frühzeitig verlassen wollte und ihr Mann, der sie bat, zu bleiben. Ihr war es unbegreiflich, das Stück war das Grauenhafteste, was je unter der Bezeichnung Tanztheater aufgeführt worden war. Kreinert aber hielt durch, bis zum Ende, als der Tänzer die Arme in die Höhe streckte, seinen Rücken dehnte, kurz verharrte und dann mit einem Schlag zusammenfiel wie ein leerer Sack. Er musste nach der Darbietung erschöpft gewesen sein, denn er erschien auch nicht vor dem Vorhang, um sich zu verbeugen. Viel Applaus hätte es eh nicht gegeben, denn als die Lichter angingen, waren Kreinert und seine Frau alleine im Zuschauerraum. Alle anderen hatten sich schon vorher verabschiedet.

Im Anschluss an die Darbietung gingen Kreinert und seine Frau wie geplant zur Hausparty eines befreundeten Unternehmerpaares. Kreinert war recht still und beteiligte sich nicht wie sonst üblich an den Gesprächen über Steuern, Philanthropie und Golf. Etwas später, als die noch verbliebenen Gäste ausreichend alkoholisiert waren, spielte der Hausherr von seinem iPod tanzbare Musik aus vergangenen Jahrzehnten ab. Zur Überraschung seiner Frau fing Kreinert an, sich mit geschlossenen Augen zu der Musik zu bewegen. Zuerst war es nur ein Zucken in den Beinen, ein rhythmisches Kniebeugen, das man kaum bemerkte. Dann wagte Kreinert ein paar Schritte, drehte sich gar um die eigene Achse. Anna glaubte, dass ihr sonst so beherrschter Mann mehr getrunken hatte, als sie dachte. Sie fragte sich, ob sie eingreifen sollte. Die anderen Anwesenden schauten interessiert Kreinert zu, schienen aber weder besorgt noch alarmiert. Erst als Kreinert auch noch die Arme hob und damit ungelenke Bewegungen ausführte, war es für Anna genug. Sie sprach ihn an, aber er reagierte nicht, tanzte immer weiter. Dann klopfte sie ihm auf die Schulter. Keine Reaktion. Ihr wurde heiß, weil sie sich beobachtet fühlte. Sie packte ihren Mann an den Schultern und versuchte ihn, in seiner Bewegung zu stoppen. Dabei kam er aus dem Gleichgewicht und stürzte gegen ein Ölgemälde an der Wand. Das Gemälde stammte von dem Künstler Vern Tybussek und trug den Titel „Fuck the Poor“, was man zwar dem Inhalt nicht ansah, dafür aber dem Kaufpreis. Das Gemälde hob sich durch Kreinerts Aufprall vom Haken, stürzte auf das Parkett und sprang heraus aus dem Schattenfugenrahmen. Ein Brocken roter Ölfarbe sprang ab und lag neben dem havarierten Rahmen wie eingetrocknetes Blut. Anna wurde es vor Scham schwarz vor Augen.

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