(1) „Der hinkende Uhrmacher“ sollte Danilo Petri den Durchbruch bringen.

von Alain Fux

„Der hinkende Uhrmacher“ sollte Danilo Petri den Durchbruch bringen. Nach Jahren aufopferungsvoller Teamarbeit bei verschiedenen Tanzkompanien hatte er seine Solokarriere mit diesem selbst geschriebenen Stück begonnen. Dafür hatte er alles riskiert, seine Ersparnisse und seine künstlerische Glaubwürdigkeit.

Bereits nach der Premiere sah es aus, als ob er alles verlieren würde. Die Kritiken waren derart miserabel, dass die anderen Tänzer in den darauf folgenden Tagen kündigten. Die Reservierungen beschränkten sich auf die Abonnenten. Dass die Theaterleitung das Stück nicht sofort abgesetzt hatte, lag nur daran, dass auf die Schnelle kein Ersatz für die restlichen Abende verfügbar war. Und dann kam die letzte Aufführung und Danilo war der einzige verbliebene Darsteller, um den Abend zu bestreiten. Er hatte die Choreografie umgeschrieben und übernahm alle Rollen selbst.

In der Nacht vor der letzten Darbietung hatte er sehr unruhig geschlafen. Er hatte geträumt, dass während seines Tanzes alle Kulissen nacheinander in die Dunkelheit der Hinterbühne umfielen. Kaum war er an ihnen vorbeigetanzt, fielen sie um, als ob er ihren Lebensfaden abgeschnitten hätte. Auch die Zuschauer lösten sich auf, eine Reihe nach der anderen verpuffte in einer kleinen Staubwolke, die silbern im Scheinwerferlicht verschwand.

Der Gedanke an diesen Traum ließ ihm den ganzen Tag keine Ruhe. Am Abend, als er sich in seiner kahlen Garderobe auf den Auftritt vorbereitete, erklärte sich sein Traum, als er gerade sein Suspensorium anzog. Ganz plötzlich hatte er die Gewissheit, dass es außer ihm nichts gab. Die Welt und die anderen Menschen waren nur ein Produkt seiner Einbildung. Danilo Petri fühlte, wie sich die feinen blonden Härchen auf seinen Unterarmen aufrichteten. Es war, als ob ein warmer Wind durch die Garderobe fuhr. Ein magischer Augenblick, der aber nur in seinem Kopf stattfand. Das wusste er jetzt. Er beendete seine Vorbereitungen und stellte sich auf die Bühne, kurz bevor der Vorhang sich hob.

Und er tanzte, wie er noch nie zuvor in seinem Leben getanzt hatte. Seine Schrittfolgen kamen flüssiger denn je, die Sprünge saßen perfekt und seine Haltung war einwandfrei, ohne auch nur einmal während der ganzen Darbietung nachzulassen. Es war, als würde Gott seine Choreografie tanzen. Und er war ja auch Gott in seiner eigenen Welt.

Von dem dunklen Zuschauerraum bekam er nichts mit, er hätte leer sein können oder bis zum letzten Platz gefüllt. Da es für ihn nicht wichtig war, brauchte er sich nicht auszudenken, wie es jenseits der Bühnenkante aussah. Der Zuschauerraum existierte nicht mehr. Auch die Kulissen waren nicht mehr wichtig, sie verschwanden aus seinem Blickfeld. Das Licht brauchte er ebenfalls nicht – er tanzte mit geschlossenen Augen immer weiter. Mit seinen Cabriole-Sprüngen lief er den Bühnenkreis ab. Er selbst war das Licht, das seinen Innenraum erhellte.

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