(360) Natürlich ärgerte sich Bert über Fritz.

von Alain Fux

Natürlich ärgerte sich Bert über Fritz. Wie konnte er einfach so einen Termin für ihn organisieren, bei so einer persönlichen Sache, wie einer Darmspiegelung? Der Hinweis, dass es vielleicht sinnvoll wäre, hätte völlig gereicht. Ja, es wäre gut möglich, dass Bert nichts unternommen hätte. Aber er war ja auch ein erwachsener Mann. Und pflichtbewusst. Deshalb war er am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus gekommen, und war durch die endlosen Gänge zur Proktologie gegangen.

Jetzt saß er im Wartezimmer und war nicht glücklich. Normalerweise sah er seinen Vater nur zwei- oder dreimal im Jahr. Die Scheidung damals war für alle eine Belastung, vor allem für Bert, der sich mehr um seine Mutter kümmern musste. Fritz wollte ja bewusst leben und alle negativen Einflüsse auf sein Leben abstellen. Dazu gehörte in seinen Augen auch Berts Mutter.

Seine Mutter sah Bert sehr viel öfter. Manchmal lud sie ihn ein zu einer der Veranstaltungen, die sie für ihre Freunde organisierte. Er kam sich dabei zwar verloren vor, aber er fühlte, dass es seine Pflicht war, dorthin zu gehen. So wie es jetzt seine Pflicht war, dem Wunsch seines Vaters zu entsprechen und in diesem öden Wartezimmer darauf zu warten, dass jemand ihm einen Schlauch in die Eingeweide schob. Vielleicht arbeitete er deshalb so gern mit toten Papageien. Wenigstens lösten sie bei ihm kein Pflichtbewusstsein aus. In ihrer Gegenwart war er nur er selbst. Bert pur. Sonst war er immer der Bert, den man von ihm verlangte. Sohn-Bert. Wissenschaftler-Bert. Vogelkundler-Bert. Aber nie Bert-Bert. Dabei war er ja im Grunde frei. Er konnte alles machen, was er wollte. Unruhig rutschte er auf dem Stuhl hin und her. Krank wurde man ja nur im Krankenhaus. Was wenn man etwas bei ihm finden würde. Schnell auf den Operationstisch und dann ausstopfen wie einen toten Vogel. Ein Bertus Zannerensis, die Feld-, Wald- und Wiesenvariante des Vogelkundlers. Was, wenn er jetzt einfach aufstehen würde und ginge. Man würde sich vielleicht wundern. Insgeheim ihn einen Waschlappen nennen. Oder respektvoller: ‚Der Herr Zanner hört auf sich selbst.‘ Aber man konnte ihn nicht dazu zwingen. Es würde nichts passieren. Gut, er würde danach nicht noch einmal zu seinem Vater gehen. Fritz würde ihn ausfragen und Bert mochte nicht lügen. Oder er säße bei seinem Vater und die Stationsschwester käme dazu: ‚Ach da sind Sie ja, Herr Zanner. Jetzt kommen Sie gleichmal mit, der Doktor wartet mit dem ganz großen Schlauch auf Sie.‘ Nein, das war nicht denkbar. Wenn schon, dann musste er gleich ganz gehen.

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