(359) Als Fritz Zanner geschieden war und sich zur Ruhe setzte, begann er ein neues Leben.

von Alain Fux

Als Fritz Zanner geschieden war und sich zur Ruhe setzte, begann er ein neues Leben. Er lebe bewusst, erklärte er seinem Sohn. Bert konnte verstehen, dass sein Vater viel Zeit in der Natur verbrachte, beim Essen achtgab, keinen Alkohol mehr anrührte. Als Fritz aber anfing, ins Fitnessstudio zu gehen und mit 71 Jahren einen Skateboard-Kurs belegte, schien ihm das übertrieben. Er hatte auch Schwierigkeiten, sich daran zu gewöhnen, dass sein Vater von ihm nicht mehr als ‚Vater‘ angesprochen werden wollte, sondern als ‚Fritz‘. Fritz seinerseits konnte nicht verstehen, dass Bert sein Leben als Forscher in der ‚freien Wildnis‘, wie er es ausdrückte, austauschte gegen einen Bürojob. „Dafür ist der Mensch nicht gemacht“, sagte er Bert. „Diese Geschichte mit dem Papagei. Das ist doch krank. Jemand erschießt einen Papagei, damit du ihn dir ankucken kannst. Und du vergleichst ihn mit einer LKW-Ladung von weiteren getöteten Papageien, die in Schubladen bei euch rumliegen. Krank! Du lebst ein Leben gegen die Natur.“

Das sagte Fritz, als Bert ihn im Krankenhaus besuchte. Nur wenige Tage zuvor hatte der Arzt bei Fritz Darmkrebs festgestellt. Es war keine Zeit zu verlieren, deshalb kam er gleich unters Messer. Bert hätte ihn darauf hinweisen können, dass sein bewusstes Leben nichts gebracht hatte und dass Fritz die gleichen Probleme hatte, wie alle anderen auch. Aber er wollte keine Diskussion mit seinem Vater anfangen.

„Gehst du eigentlich regelmäßig zur Vorbeugung, Bert?“ – „Wie meinst du das?“ – „Prostatauntersuchung, Darmspiegelung usw. Alles Dinge, die ein Mann in deinem Alter machen lassen müsste.“ Bert runzelte die Stirn. Solche Themen wollte er nicht mit seinem Vater diskutieren. „Nein, das brauche ich noch nicht.“ – „Falsch. Gerade bei deinem Lebenswandel ist das wichtig. Du sitzt die ganze Zeit und schaust dir tote Papageien an. Du ernährst dich falsch. Wenn man mir schon den halben Darm wegschneiden muss, dann solltest du dich aber sehr warm anziehen. Ich habe mit meinem Arzt geredet, Dr. Färber. Er ist ganz meiner Meinung. Deshalb habe ich dich angemeldet.“ – „Angemeldet? Wozu?“ – „Zur Darmspiegelung. Du hast einen Termin morgen Vormittag. Du musst nachher noch zur Stationsschwester gehen wegen Klistier und so. Und du darfst vorher nichts essen.“ – „Ich will keine Darmspiegelung.“ – „Papperlapapp. Das ist überhaupt keine Sache. Die schauen mal eben bei dir rein und ehe du dich versiehst, ist die ganze Sache schon vorbei. Nachher kannst du dann noch einmal bei mir vorbeikommen. Ich spendiere dir auch einen Apfel. Äpfel sind sehr gesund. Jeden Tag mindestens einen!“

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