(354) Als Chris Cooper nach Hause kam, war es schon spät.

von Alain Fux

Als Chris Cooper nach Hause kam, war es schon spät. „Bianca?“, rief er hoffnungsvoll in die leere Wohnung. Eigentlich hatte er erwartet, sie dort zu finden. Aber sie war ausgegangen, obwohl sie wusste, dass er spätestens jetzt zu Hause sein würde. Es geschah immer häufiger, dass sie mit Freundinnen unterwegs war. Chris hatte nichts dagegen. Ein kühles Bier und dabei Sport zu schauen, das machte ihn schon glücklich.

Als er seinen Schlüssel in der Diele in die Schale warf, bemerkte er eine Visitenkarte. Er fischte sie heraus. Links war ein Ford Mustang mit einer Strichzeichnung abgebildet. Der Name daneben elektrisierte ihn: Frank Carter. Immer wieder fiel der Name in Polizeibriefings. Frank Carters Werkstatt wurde untersucht. Er wurde zur Befragung wegen Autohehlerei auf das Revier zitiert. Anwälte von Frank Carter holten ihn aus dem Untersuchungsgefängnis raus.

Immer, wenn es um Autoschieberei ging, fiel der Name Frank Carter. Der Mann war brandheiß. Und jetzt hatte Bianca offensichtlich eine Beziehung mit diesem Kerl. Chris fühlte, wie ihm die Beine versagten. Er atmete schneller. Es war, als ob das Blut nicht schnell genug zum Kopf kam. Chris hatte das Gefühl, dass überall um ihn herum nur Kriminelle, Abschaum, das Letzte vom Letzten waren. Er war der Letzte der Aufrechten. Wenn jetzt schon Bianca mit solchen Leuten abhing… Frank Carter… Tony Chisholm… Es war wie bei dem vielköpfigen Monster. Man konnte so viele Köpfe davon zur Strecke bringen wie man wollte, immer wieder wuchsen neue nach. Es war ein Kampf, bei dem der Sieger schon feststand und Chris war nicht auf dessen Seite.

Er bekam Kopfschmerzen. Das letzte Mal als er in dieser Situation war, hatte er einen Termin beim Polizeipsychologen. „Sie haben den falschen Job erwischt, wenn Sie das nicht aushalten…“ Harte Worte. Aber er hatte wahrscheinlich recht. Wie kann man gegen einen Feind kämpfen, wenn man glaubt, den Kampf schon verloren zu haben?

Chris fühlte sich eingeengt und versuchte, seine Atmung zu kontrollieren. Bianca hatte seine Beklemmungen bei Verbrechen schon immer lachhaft gefunden. Für sie war Verbrechen ein Kavaliersdelikt. Eine Möglichkeit schneller reich zu werden. Wie hatte er ihr nur so lange vertrauen können. Es war klar, dass sie ein Flittchen war, das keine Moral hatte und sich mit dem einließ, der ihr am meisten bot. „Wer bist Du denn?“, hatte sie gesagt. „Bist du der Heiligste von allen? Bis du der Heilige Chris? Der Nachfahre von Jesus?“ Nein, er war ganz bestimmt kein Heiliger. Wer ist schon heilig, dachte er. Dann fiel ihm Linda Fox ein. Sie hätte ihm jetzt helfen können.

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