(350) Das war wie in dem Film.

von Alain Fux

„Das war wie in dem Film. Der Typ kommt und sagt: ‚Bei uns gelten die Regeln des Britischen Empire.‘ Und wir waren draußen. So viel zu der Annahme, dass Tanzen völkerverbindend wirkt.“ Konstantin erzählte von ihrem Versuch, dem Tango-Klub beizutreten. Er und Nina saßen zusammen mit fünf anderen Architekten in der Volt Bar des Marriott Renaissance Hotels in Detroit. „Ihr hättet diese Paare mal sehen sollen. Die waren alle schon an der Schwelle zum Tod. Es sah so aus, als ob sie in ihrer Grabesruhe nicht gestört werden wollten.“

Einmal im Jahr unternahm die Gruppe eine Reise an Orte, die für Architekten interessant waren. Das konnten die Türme von San Gimignano sein oder die Schlösser der Loire. Dadurch konnten sie die Reisen jeweils steuermindernd absetzen.

Detroit interessierte sie, weil die Stadt dem Niedergang geweiht war und mittlerweile 35% der Stadt nicht mehr bewohnbar war. Das Motto der Studienreise hieß „Untergang der Urbanität“. Organisiert von Markus Odebrecht, den Konstantin aus zwei Gründen nicht mochte: Er hatte ihm vor drei Jahren den Auftrag für einen Multifunktionssportkomplex weggenommen und er hatte früher eine Beziehung mit Nina gehabt. Ihr gegenüber wollte er aber auf keinen Fall eingestehen, dass er mit Markus ein Problem hatte.

Die Architekten waren bei dieser Reise besonders auf den Spuren von Alfred Kahn unterwegs, einem deutschen Auswanderer, der die Industriebauten von Detroit stark beeinflusst hatte. Sie schauten sich zum Beispiel die Fabrik der Fisher Brothers an, die völlig verlassen dahin vegetierte. Oder das Hauptpostgebäude von Detroit, nach einem Brand komplett aufgegeben. Oder den Bahnhof, Michigan Central, ebenfalls nur noch eine Ruine. Am Abend hatten sie das Lee Plaza Hotel besucht, ein Schmuckstück der Art Deco-Architektur, jetzt nur noch ein gestrandetes Wrack.

Vorhin, als sie mit den Besichtigungen des Tages fertig waren, hatte sich eine Diskussion entsponnen. „Ich finde, dass diese Reise uns gar nichts nützt. Es ist einfach nur deprimierend zu sehen, wie Gebäude zerfallen, die einmal als die Besten galten, die zu ihrer Zeit gebaut wurden.“ – „Du hast recht, Konstantin“, hatte Markus geantwortet. „Aber auch das ist eine Herausforderung für uns Architekten. Was macht man mit Gebäuden, die einfach nicht mehr gebraucht werden?“ – „Abreißen“, hatte Nina geantwortet. „Aber sogar dafür scheint es hier kein Geld zu geben.“ Konstantin hatte nachgesetzt: „Ich würde lieber neue Sachen sehen, inspirierende Bauten. Es muss weiter gehen.“ – „Morgen wird besser sein, besonders für dich“, hatte Markus süffisant geantwortet. „Morgen schauen wir uns den Palace an. Da können manche von uns lernen, wie man einen Sportkomplex plant.“ Konstantin hatte ‚Aschloch‘ gedacht, aber nach außen hin gelächelt, wie über einen guten Witz. Was hatte Nina an diesem Idioten gefunden?

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