(348) Ich bin gleich fertig, Liebes. Noch fünf Minuten.

von Alain Fux

„Ich bin gleich fertig, Liebes. Noch fünf Minuten.“ Nikolaus Egger saß in weißem Hemd, weißer Hose und weißen Lederslippern zu Hause an seinem Schreibtisch. Heute Abend würde er mit Angelika, seiner Frau, Tango tanzen gehen. Darauf freute er sich jedes Mal. Vorher wollte er noch das Kapital seiner Memoiren Korrekturlesen, das er am Vortag geschrieben hatte.

Der Arbeitstitel seiner Memoiren lautete ‚Unter der Haut‘ und er wollte darin seine Erfahrungen als Gerichtsmediziner darstellen. Am Vortag hatte er an einem der seltsamsten Fälle geschrieben.

Es ging dabei um den Tod von Elfriede Hillmann. Frau Hillmann war 67 Jahre alt und besserte ihre karge Rente als Büroputzfrau auf. Da sie sehr schlecht schlief, arbeitete sie von 23 Uhr bis manchmal 5 Uhr früh.

Eines frühen Morgens fanden Angestellte ihren leblosen Körper in einem Aufzug des Bürohauses, in dem sie putzte. Die Leiche hatte keinen Kopf mehr. Mit ihr in der Aufzugkabine war ein großer Papiermülleimer. Als die Spurensicherung ihn öffnete, fanden sie in den Shredderabfällen, mit denen der Mülleimer halb gefüllt war, ihren Kopf. Die ermittelnden Polizisten konnten sich keinen Reim auf diese Umstände machen.

Der Fall kam zu Nikolaus Egger. Er untersuchte die zweiteilige Leiche eingehend und besichtigte auch die Aufzugskabine. Er vermass Kabine, Mülleimer und Leiche und baute ein kleines Holzmodell. Damit beschäftigte er sich längere Zeit, bis er die Lösung gefunden hatte.

Demnach war der Tatverlauf wie folgt: Frau Hillmann hatte irgendwann die ihr zugeteilten Büros fertiggeputzt. Das Letzte, was sie immer tat, war mit dem Aufzug die beiden Mülltonnen nach unten in den Müllraum zu bringen. Eine Mülltonne war für Papier, eine für den Rest. Sie fing mit dem Papiermüll an.

Sie ging zuerst in die Aufzugskabine und zog den Mülleimer hinter sich herein. Das war eigentlich gegen die Vorschriften, da die Aufzugskabine an der Einstiegsseite offen war. Da sie immer alleine arbeitete, war nicht zu ermitteln, ob dieser Verstoß einmalig oder systematisch war. Sie drückte den ‚-1‘-Knopf und die Aufzugskabine fuhr nach unten. Als sie am siebten Stockwerk vorbeifuhr, blieb der Mülleimer an der Bodenkante des Ausstiegs hängen. Da der Aufzug weiterfuhr, verkantete sich der Mülleimer zwischen der Bodenkante und der Frau an der Rückwand der Kabine. Die Kante des Mülleimers blieb Frau Hillmann unterm Kinn stecken. Sie rutschte an der Aufzugwand nach oben. Der Deckel des Mülleimers öffnete sich. Als sie oben an der Kabinendecke ankam, schnitt die Kante des Mülleimers ihr in den Hals und, da der Aufzug immer noch weiterfuhr, trennte die Kante ihr schließlich den Kopf ab. Er fiel in den Mülleimer. Da der Mülleimer nunmehr Platz bis zur Rückwand der Kabine hatte, entkantete er sich und rutschte wieder in die ursprüngliche Position zurück. Der Aufzug fuhr weiter bis ins Untergeschoss und blieb dort, bis ihn die frühen Mitarbeiter ins Erdgeschoss riefen.

Egger hatte damals einen Artikel über den Fall für die Annalen der Rechtsmedizin geschrieben. Er war auch heute noch stolz darauf, wie genau er den Fall rekonstruiert hatte.

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