(345) Günther Runge war eine der letzten wahren Unterweltgrößen.

von Alain Fux

Günther Runge war eine der letzten wahren Unterweltgrößen. Bis vor etwa zehn Jahren hatte er die kleinen und größeren Ganoven mit Eisenhand geführt und dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit die Existenz eines organisierten Verbrechens gar nicht wahrnahm.

Dann waren andere Verbrecher aus dem Ausland gekommen, die sich nicht um einen Verhaltenskodex scherten und die ihre Differenzen untereinander und vor allem die Differenzen mit Leuten wie Runge in aller Öffentlichkeit austrugen.

Das wollte Runge nicht mitmachen und er zog sich aus dem Geschäft zurück. Verschiedene Verlage hatten versucht, ihn dazu zu bringen seine Memoiren zu schreiben, aber er hatte sich immer geweigert.

Jetzt lag er im Bett, neben dem Nick Menzel saß, und die Kraft schien den massigen Körper verlassen zu haben. Da Runge beatmet werden musste, war die Kommunikation mit ihm schwierig. Runge schrieb ein paar Worte auf einen großen Block, der neben ihm lag, und Menzel versuchte zu ergründen, was er damit meinte.

Runge schrieb: ‚Bürgermeister Mord‘. Menzel sagte: „Meinen Sie das Attentat auf Bürgermeister Tauchert vor zehn Jahren?“ Runge kniff zur Zustimmung die Augen zusammen. Er schrieb: ‚Nicht ich.‘

„Sie waren es nicht? Obwohl jeder fest dieser Meinung war und Sie nur wegen Mangels an Beweisen freigelassen wurden?“

Runge schrieb: ‚Weiß wer.‘

„Sie wissen, wer es war? Warum haben Sie das nicht zur Verteidigung gesagt?“ Menzel war aufgestanden und beugte sich über das Bett, um besser zu erkennen, was Runge schrieb.

Der Mord an Tauchert war ein Ereignis, das die Stadt nachhaltig traumatisiert hatte. An jedem Jahrestag gab es in Menzels Zeitung ein Special, in dem man neue Erkenntnisse besprach. Runge war auch jetzt noch der meistgenannte potenzielle Täter.

„Wer war es denn?“ Runge schrieb: ‚Versprechen erst nach Tod.‘ „Sie wollen, dass ich es erst nach Ihrem Tod verwende? Natürlich, das verspreche ich.“

Runge hatte die Augen geschlossen. Er schien nachzudenken. Menzel war ganz aufgeregt. „Herr Runge?“ Er tippte leicht Runges Hand an. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und eine Krankenschwester kam hereingestürmt. „Raus, raus.“ Sie beugte sich über Runge.

Als Menzel sich vom Bett löste, merkte er, dass sein rechter Schuh, den er auf die Bettkante gestellt hatte, den Beatmungsschlauch von Runge zugequetscht hatte. Er ging langsam zur Tür. Die Schwester rief nach einem Defibrillator. Menzel stand schon im Flur, als ein Arzt mit einem Gerätewagen ins Zimmer fuhr. Er wartete, bis klar war, dass Runge tot war.

Menzel hatte seine Quelle umgebracht. Und es gab keine andere Information, die er veröffentlichen konnte.

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