(343) Aus aktuellem Anlass sehen wir jetzt einen Kommentar des langjährigen USA-Korrespondenten Lothar Strasser zum Thema Pressekodex.

von Alain Fux

„Aus aktuellem Anlass sehen wir jetzt einen Kommentar des langjährigen USA-Korrespondenten Lothar Strasser zum Thema Pressekodex.“

Ein älterer Herr mit einer Prinz-Heinrich-Mütze auf dem Kopf kommt, hoch über dem Meer, am Rand einer Steilklippe entlanggehend auf die Kamera zu. Die Kamera begleitet ihn weiter auf seinem Spaziergang, während seine Stimme aus dem Off kommt.

„Gerade im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen spielt der Pressekodex eine große Rolle. Es soll keine unangemessenen Darstellungen geben. Wenn jemand stirbt, sollte die Kamera nicht draufhalten oder es sollte keine schriftlichen Detailbeschreibungen geben.“

Strasser blieb stehen und sprach jetzt direkt in die Kamera: „Die Würde des Menschen ist auch im Pressekodex unantastbar. Jemand der leidet, sei es physisch oder psychisch sollte nicht auch noch von der Sensationslust ausgenutzt werden.“ Dann ging Strasser weiter, die Kamera folgte ihm und seine Stimme kam wieder aus dem Off.

„Bei Gewalttaten gilt der Grundsatz, eine authentische, sachliche und unabhängige Darstellung umzusetzen. Journalisten sollten keine Details verwenden, die nur eine Zurschaustellung der Opfer, aber auch der Täter bewirken. Die Aufgabe des Journalisten ist es nicht, Straftaten aufzuklären. Das ist die Aufgabe der Polizei. Manchmal versuchen Verbrecher oder die Polizei, Journalisten zu nutzen, um mit der jeweils anderen Seite zu kommunizieren. Das ist falsch. Die Unabhängigkeit ist des Journalisten höchstes Gut. Natürlich sind Interviews mit Straftätern während der Tat nicht zulässig. Es werden keine Autodiebe oder Auftragsmörder ‚on the job‘ dargestellt. Auch Memoiren von Verbrechern, die aus der Rücksicht ihre Taten glorifizieren, sind nicht erlaubt.

Aber auch Nachrichtensperren, die die Polizei verhängt, sind nicht zu beachten. Wenn es bekannt ist, muss es raus. Natürlich nur, wenn die Bekanntgabe keine anderen Grundsätze verletzt. Auch beim Pressekodex ist Fingerspitzengefühl notwendig.“

Strasser blieb stehen. Aus dem Off stellte eine Frauenstimme eine Frage: „Hat die Kollegin Klara Pfeifer bei ihren Nachforschungen zum Fall Loos die Grenze übertreten?“ Strasser blickte nachdenklich hinaus aufs Meer und wandte sich dann wieder der Kamera zu: „Nun, ich denke nicht. Allerdings fand ich die Ergebnisse ihrer Recherchen von einer unglaublichen Belanglosigkeit. Wenn das Sensationsjournalismus war, dann gehörte er zur sedierten Variante. Unerträglich langweilig.“

Strasser ging weiter an der Steilküste entlang. Die Strahlen der untergehenden Sonne trafen ins Objektiv der Kamera und verursachten Blendenflecke.

Advertisements