(340) Detlev Loos arbeitete als technischer Zeichner in einem Maschinenbauunternehmen.

von Alain Fux

Detlev Loos arbeitete als technischer Zeichner in einem Maschinenbauunternehmen. Er war verheiratet mit Astrid Loos, die nach der Heirat mit ihm ihren Job als Schmuckverkäuferin aufgab. Kinder stellten sich zwar keine ein, aber Astrid blieb trotzdem als Hausfrau zuhause. Detlev hatte damit kein Problem. Was ihn interessierte, war vor allem anderen das Angeln.

Er führte ein sehr geregeltes Leben: Unter der Woche verließ er das Haus am frühen Morgen und abends, nach dem Abendbrot, saß er im Wohnzimmer und band Fliegen. An den Wochenenden stand er noch früher auf, packte sein Angelzeug ins Auto und fuhr weg zum Angeln. Wenn er abends nach Hause kam, schuppte er die gefangenen Fische, fror sie ein und brachte seine Ausrüstung wieder auf Vordermann. Dann ging er ins Bett. Jede Woche seines Lebens verlief fast identisch und er genoss sie alle. Detlev war ein glücklicher Mensch.

Seine Frau Astrid war sehr unglücklich. Sie hatte bereits verschiedene Hobbies ausprobiert, fühlte sich aber von keinem davon erfüllt. Schließlich begann sie, an der Börse zu spekulieren. Sie wählte börsennotierte Unternehmen aus, die ihr zusagten und informierte sich über sie. Sie las ihre Jahresberichte und sonstigen Meldungen. Oft rief sie bei der Aktionärsbetreuung an und stellte Fragen. Sie begann erst mit kleinen Anlagebeträgen, die sie von Detlevs Gehaltskonto abzweigte. Er bemerkte nichts davon, weil er sich noch nie um die finanziellen Angelegenheiten gekümmert hatte. Vor seiner Heirat mit Astrid hatte seine Mutter sein Konto geführt.

Astrids erste Investitionen waren überraschend erfolgreich. Sie realisierte ihre Gewinne und investierte mehr Geld. Nach und nach wuchs das kleine Vermögen, das sie verwaltete. Sie redete mit ein paar Freundinnen, die ihr bald auch Geld anvertrauten. Die Vermögensverwaltung von Astrid Loos nahm immer größere Formen an. Detlev hatte sie nichts davon erzählt. Als der Moment kam, dass sie einen Teil des Gewinnes verwenden konnte, kaufte sie zuerst einen Wagen, den sie in der Nachbarschaft in eine Garage stellte und über dessen Existenz sie Detlev nichts erzählte. Er fuhr nach wie vor mit dem Fahrrad zur Arbeit. Astrid kaufte Kleidung und Schmuck für sich, konnte sie aber nur tragen, wenn Detlev weg war. Schließlich kaufte sie eine Wohnung, die sie ganz nach ihrem Geschmack und nach ihrem Geldbeutel einrichtete. Wenn Detlev die gemeinsame Wohnung verließ, ging Astrid in ihre eigene. Wenn er zurückkam, kam auch sie zurück. Sie führte ein perfektes Doppelleben und war endlich ebenfalls glücklich.

Advertisements