(339) Ein Wohnzimmer im Altbau.

von Alain Fux

Ein Wohnzimmer im Altbau. Eine hübsche Couch, dahinter ein großes, freundliches Fenster mit Pflanzen. Links ein Bücherregal. Links und rechts vom Sofa Lautsprecherboxen. Es war Tag. Ein junger Mann und eine junge Frau saßen auf dem Sofa und tranken Kaffee. Sie schienen sich gut zu unterhalten und lächelten sich an. Schnitt. Abend. Der gleiche junge Mann und eine andere Frau. Sie waren festlich gekleidet und prosteten sich mit Champagner zu. Schnitt. Es war Nacht. Auf dem Sofa lag eine junge Frau. Der junge Mann saß neben ihr. Sie küssten sich leidenschaftlich. Schnitt. Der junge Mann lag auf dem Sofa. Eine andere junge Frau saß neben ihm. Sie küssten sich leidenschaftlich. Schnitt. Der junge Mann saß auf dem Sofa. Eine junge Frau kniete vor ihm und schien ihm einen Blowjob zu geben. Schnitt. Das Sofa stand jetzt mit der Rückenlehne nach vorne. Man sah den jungen Mann, der mit einer jungen Frau in einer a tergo-Position Geschlechtsverkehr zu haben schien. Auf dem Fernsehschirm erschien der Schriftzug: ‚Das Leben ist vielfältig. Auf einer Couch von Sesselmeier‘, begleitet von einem lustigen Jingle.

Irma schaltete den Fernseher aus und warf die Fernbedienung neben sich auf die Couch. Sie seufzte. Es klingelte. Es waren ihre Freundinnen Anke Krüger und Cornelia Schütz. „Ach, wie ist es bei dir so schön in der neuen Wohnung. So hell und freundlich“, lobte Anke. „Du hast dich ja so was von verbessert“, fügte Cornelia hinzu und ließ ihren Blick umherkreisen. Ikea, dachte sie. Sie setzten sich auf die Couch und nachdem alle erst einmal einen Kaffee getrunken hatten, öffnete Irma eine Flasche Sekt.

Die Frauen trafen sich einmal in der Woche, jeweils abwechselnd, in ihren Wohnungen. Anke war auch geschieden und lebte mit ihrem Tennislehrer zusammen. Cornelia lebte getrennt.

„Ist jetzt alles mit Henning geklärt?“, fragte Cornelia. „Finanziell schon. Es ist tragisch. Er ist komplett abgestürzt. Manchmal mache ich mir Vorwürfe. Er hatte ja auch gute Seiten…“ – „Daran solltest du nicht denken, mein Liebes“, unterbrach sie Anke. „Er hat es nicht besser verdient. Er hatte dich nie verdient. Und du hast wirklich alles versucht. Manchmal passt es einfach nicht zusammen.“ – „Wir nehmen viel zu sehr Rücksicht auf die Männer“, pflichtete ihr Cornelia bei. „Und sie nehmen es an, ohne nachzudenken, und trampeln dann noch auf uns herum.“ – „Auf uns Frauen!“ Sie stießen an. „Hey“, sagte Cornelia. „Ich muss Euch noch eine Geschichte erzählen, die ich gehört habe. Unglaublich.“

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