(338) Am nächsten Tag war Irma wieder da.

von Alain Fux

Am nächsten Tag war Irma wieder da. Sie war irgendwann zurückgekommen, während Henning arbeiten war. Er wollte sie wie immer bei seiner Rückkehr auf den Mund küssen, aber sie hielt ihm nur die Wange hin. Henning küsste ihre Wange. Während des Essens erzählte er, wie es ihm auf der Arbeit ergangen war. Irma sagte nichts. Danach las er Zeitung und sie war in der Küche. Später, als er nach ihr schaute, war sie schon ins Bett gegangen. Als er sich dazulegte, schlief sie bereits und als er aufstand, schlief sie noch. So ging es mehrere Tage.

Henning fiel später auf, dass Irma während dieser Tage kein einziges Wort an ihn gerichtet hatte. Für Irma waren diese Tage ein Test für das, was sie schon beschlossen hatte. Sie wollte Henning verlassen, gab ihm aber noch eine Chance. Sie hatte keine genauen Vorstellungen, worin Hennings Aktionen bestehen sollten. Ein aktives Bedauern war aber aus ihrer Sicht ein unverzichtbarer Bestandteil. Ihr Schweigen hätte ihm ausreichend Warnung sein sollen. Doch nichts von dem, was sie sich erhofft hatte, geschah.

Es war nicht ausschließlich die Sache mit dem Ring gewesen, das war nur der Auslöser. Es war vielmehr das Ergebnis aus Jahren von Langeweile gesprenkelt mit kleinen Kränkungen.

Am fünften Tag ihres Schweigens sagte sie ihm: „Henning, es ist genug. Ich trenne mich von Dir.“ Henning saß in seinem Sessel und verstand zuerst nicht, was sie gesagt hatte. Vielleicht war er auch nur erstaunt, dass sie plötzlich wieder redete. Sie wiederholte, was sie gesagt hatte. Dann ging sie ins Schlafzimmer und holte die zwei Koffer, die sie am Nachmittag gepackt hatte.

Als sie sich von Henning verabschiedete, sagte er „Aber, es war doch Liebe auf den ersten Blick! Wir sind füreinander bestimmt!“ – „Nein“, antwortete sie. „Hier ist ein Vorschlag, wie wir alles regeln. Schau es dir an. Unten steht die Telefonnummer meiner Anwältin. Sie wird sich bei dir melden, um alles abzustimmen.“ Sie drückte ihm ein Blatt Papier in die Hand, auf dem sie alles aufgelistet hatte, was sie und Henning in den Jahren ihrer Ehe angehäuft hatten: Wohnung (verkaufen), Auto (er), Depot (verkaufen), Bankkonto (teilen und schließen), Altersversorgung (teilen), Einrichtung (sie wollte nur den Inhalt der Küche)… Dann war sie weg. Die Haustür fiel ins Schloss. Henning legte das Blatt auf den Tisch, der jetzt für immer ihm gehörte. Er stand auf und holte sich ein Bier aus der Küche. Sie würde wiederkommen. Sie kamen immer alle wieder.

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