(336) Sind Sie Henning Rauch?

von Alain Fux

„Sind Sie Henning Rauch?“ Der Mann, der Kunert die Haustür geöffnet hatte, nickte langsam wie jemand, der erst einmal wissen möchte, worum es überhaupt geht. „Ich habe etwas, was vielleicht Ihnen gehört. Kann ich hereinkommen?“ Das Haus war einfach eingerichtet, sauber, geschmackvoll, aber mit stark limitiertem Budget. Sie setzten sich an den freigeräumten Küchentisch. Eine Uhr hing an der Wand und tickte laut.

„Kennen Sie den Strand hinter der Alten Brücke?“, fragte Kunert. Der Mann nickte. „Ich war schon mal da. Warum?“ – „Haben Sie vor einiger Zeit dort etwas verloren?“ Der Mann dachte nach. „Ich war da schon lange nicht mehr. Meine Frau trifft sich da öfters mit ihren Freundinnen.“ – „Ihre Frau heißt Irma?“ – „Ja. Was soll das alles?“

Kunert legte ein Taschentuch auf den Tisch und knöpfte es auf. Darin war der Ring. „Kennen Sie den Ring?“ Henning Rauch schüttelte den Kopf. „Nie gesehen.“ Kunert nahm ihn auf und hielt ihn dem Mann hin. „Darin steht ‚Irma & Henning Für ewig!‘. Sagt Ihnen das etwas?“ Henning Rauch machte einen ungläubigen Gesichtsausdruck und legte den Ring wieder hin. „Den kenne ich nicht.“

In dem Augenblick ging die Haustür auf und Irma kam herein. Sie erkannte den Ring sofort. Sie freute sich, ihn wieder in der Hand zu halten. Sie selbst hatte den Ring anfertigen lassen. Henning hatte um ihre Hand angehalten, ihr aber keinen Verlobungsring spendiert. Für Irma war das eine Schmach ihren Freundinnen gegenüber. Deshalb hatte sie den Ring gekauft. Der Brillant war falsch, die Inschrift echt. Henning war darüber wenig erfreut. „Das ist nicht in Ordnung. Hinter meinem Rücken Ringe mit meinem Namen anzufertigen. Ich finde Ringe schlimm. Damit kettet man Leute an. Wie bei „Herr der Ringe: ‚Ein Ring, sie zu knechten, zu finden und ewig zu binden‘. Deshalb trage ich den Ehering auch nicht und deshalb steht da auch mein Name nicht drin.“

Irma warf ein, dass sie sich doch liebten und er um ihre Hand angehalten habe. „Da kannst du doch nicht sagen, ich wolle dich knechten. Das ist ganz schlimm.“ Sie weinte.

Henning schwieg ab dann. Kunert saß am Tisch und fühlte sich fehl am Platz. Hätte Henning Irma ein Schlachtermesser an der Brust gehalten, dann hätte Kunert mit der Situation umgehen können. Aber der Mangel an Eskalation hemmte sein Eingriffsvermögen. Als Irmas Weinen einen Augenblick nachließ, schaute sie zu Henning, der mit gesenktem Kopf am Tisch saß. Henning bemerkte ihren Blick und sagte zu ihr: „Zu knechten!“

Das war ihr zu viel. Sie stand auf. Griff den Ring vom Tisch und lief aus dem Haus. Die Tür ließ sie hinter sich aufstehen. „Sie kommt wieder“, sagte Henning. „Sie kommen alle immer wieder. Wollen Sie mit mir ein Bier trinken?“

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