(335) Bei einem seiner ersten Einsätze als Geiselnehmerverhandler hatte Kunert übel gepatzt.

von Alain Fux

Bei einem seiner ersten Einsätze als Geiselnehmerverhandler hatte Kunert übel gepatzt. Nachdem der Täter ihm seine Forderungen mitteilte, hatte Kunert gemeint: „Also, Sie haben eine Frau mit einem Kind als Geisel und möchten Geld. Ich gebe das mal so weiter und dann werden wir sehen, was passiert.“

Damals schien es cool und effektiv zu sein, um den Täter aus der Reserve zu locken. Später, als er die SAFE-Methode lernte, erkannte er seinen Fehler. Bevor Kunert noch einmal mit dem Geiselnehmer sprechen konnte, hatte dieser Mutter und Kind erschossen und auch sich selbst gerichtet.

Kunert hatte damals daran gedacht, den Dienst zu quittieren. Auch heute wachte er manchmal in der Nacht auf und konnte nicht wieder einschlafen. Er stand dann auf und fuhr mit seinem Metalldetektor ans Meer, um den Strand abzusuchen. Die konzentrierte Arbeit, das durch die Kopfhörer gedämpfte Meeresrauschen und die Spannung, wenn das Gerät anschlug, all das brachte Kunert schnell auf andere Gedanken.

An einem grauen Oktobermorgen war es wieder einmal so weit, nachdem er seit dem Frühling immer durchgeschlafen hatte. Warum ihn das Bild der getöteten Mutter mit ihrem Kind gerade in dieser Nacht wieder heimsuchte, konnte er nicht verstehen. Er hatte jahrelang versucht, das Problem mit einer Therapie zu lösen, aber es hatte nichts gebracht.

Kunert ging in Gummistiefeln auf dem feuchten Sand und schwenkte den Detektor. Der kaltfeuchte Wind blies ihm um die Kopfhörer. Er lief meistens den gleichen Strandabschnitt ab, der im Sommer von Badenden genutzt wurde.

Plötzlich schlug das Gerät an. Kunert nahm die kleine Schaufel aus seinem Rucksack und fing an den Sand aufzugraben. Schon in zehn Zentimeter Tiefe fand er einen Ring. Es war ein Goldring mit einem Brillanten darauf.

Als er wieder zuhause war, schaute sich Kunert den Ring mit einer Lupe genau an. An der Innenseite fand er eine Gravur: ‚Irma & Henning Für ewig!‘ Nun, dachte Kunert, das ist eine Herausforderung. Er überlegte. Am wahrscheinlichsten war der Ring im Sommer von einem oder einer Badenden verloren worden. Touristen gab es hier kaum. Er müsste also recherchieren, wie viele Paare es gab, bei denen der Mann Henning und die Frau Irma hieß.

Er bat einen Kollegen, die entsprechenden Nachforschungen anzustellen. Das Ergebnis war auch für ihn verblüffend, es gab in der ganzen Region nur ein Paar mit dieser Namenskombination. Kunert ließ sich die Adresse geben. Er wollte das Paar überraschen. Es gab zwar immer noch ein Fehlerrisiko, aber schlimmstenfalls musste er sich für die Störung entschuldigen.

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