(334) Es war alles sehr schnell gegangen.

von Alain Fux

Es war alles sehr schnell gegangen. Bonacker hatte die Hände in seinem Kittel zur Faust geballt. Seine rechte Hand berührte sein Kellnermesser. Bevor ihm bewusst wurde, was er tat, hatte er das Besteck herausgeholt, stand neben Fitsch und bohrte ihm den Korkenzieher in den Hals. Nicht tief, aber es kam schon Blut heraus. Eigentlich waren Bonacker und Fritsch beide gleichermaßen über die Entwicklung erschrocken. Der Kellner wusste nicht, was er als Nächstes machen sollte. Er überlegte, den Korkenzieher wieder einzuklappen und wegzustecken. Fitsch wurde bewusst, dass Bonacker nur einen Korkenzieher an seinen Hals hielt. Er handelte. Er stieß Bonacker weg, öffnete seine Schreibtischschublade und holte ein Bajonett heraus, das noch von seinem Vater stammte und mit dem er seine Briefe öffnete. Allerdings entglitt ihm das Bajonett und bohrte sich direkt vor Bonackers rechtem Schuh ins Parkett. Fitsch stürzte sich darauf, aber der Kellner war schneller. Er hielt Fitsch das Bajonett an die Gurgel. In dem Augenblick kam Frau Schirmer, Fitschs Sekretärin herein. Sie erfasste die Lage, schnellte wieder aus dem Zimmer und schloss die Tür. Sie rief die Polizei.

Eine halbe Stunde später, saß Jobst Kunert vor dem Industrieklub in einem zum Büro umgebauten Lieferwagen der Polizei. Er war speziell ausgebildet für Verhandlungen bei Geiselnahmen. Sein Credo war die in 2002 von Rogan und Hammer entwickelte SAFE-Methode. Erster Schritt dabei: Was will der Geiselnehmer?

Kunert rief Fitschs Büronummer an. Es klingelte, dann war der Geschäftsführer in der Leitung. „Fitsch, Guten Tag.“ – „Kunert von der Kripo. Guten Tag. Kann ich mit Ihrem Geiselnehmer sprechen?“ – „Augenblick, ich reiche Sie weiter.“ Es dauerte etwas, bis Bonacker in der Leitung war. Kunert stellte sich vor und fragte, was Bonackers Forderungen von seien. Der Kellner überlegte. Er war nicht auf die Frage vorbereitet. „Wollen Sie Geld?“ – „Nein. Obwohl… Aber nein.“ – „Wollen Sie ein Fluchtauto?“ – „Ich habe gar keinen Führerschein.“ – „Also mit Fahrer?“ – „Nein, ich fahre immer mit der Straßenbahn.“ – „Straßenbahn? Das wird schwierig. Da werde ich etwas Zeit brauchen. Ich muss ja erst herausfinden, wer sich um die Straßenbahnen kümmert. – „Das sind die Verkehrsbetriebe der Stadt.“ – „Aha, Sie hatten sich also vorbereitet. Nun, tun Sie nichts Unüberlegtes, ich werde mich in Kürze wieder bei Ihnen melden.“

Kunert legte auf. „Er will eine Straßenbahn“, rief er dem Einsatzleiter zu. Dieser antwortete: „Nein, ohne mich. Ich will nicht, dass dieser bewaffnete Freak in der Öffentlichkeit mit einer Straßenbahn unterwegs ist.“ Er gab den Stürmungsbefehl an das Sondereinsatzkommando. Die Scharfschützen hatten guten Einblick in Fitschs Büro.

Die Tür wurde gesprengt, während ein anderer Polizist sich vom Stockwerk darüber abseilte und eine Blendgranate durch das Fenster warf. Perfektes Timing.

Bevor Bonacker seiner Geisel auch nur ein Härchen krümmen konnte, hatte das SEK den geblendeten Kellner bereits im Polizeigriff. Die Handschellen schnappten zu. Fitsch war beeindruckt. Er war zwar frei, aber er konnte doch nicht aufstehen, denn er hatte sich vor Schreck in die Hose gemacht als die Blendgranate explodierte.

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