(333) Herr Becher, wie schön, Sie zu sehen.

von Alain Fux

„Herr Becher, wie schön, Sie zu sehen. Sie waren schon länger nicht mehr hier bei uns.“ Meinolf Becher ließ die Zeitung sinken. „Bonacker, ich grüße Sie. Das stimmt, die Hühner lassen mich nicht weg. Ich habe eine neue Art bekommen, die ich züchten möchte. Shamos aus Japan.“ – „Was kann ich Ihnen bringen, Herr Becher?“ – „Bringen Sie mir ein Mineralwasser. Aber nicht das teure, bitte.“ Bonacker legte einen Untersetzer aus Papier vor Becher auf den niedrigen Tisch. „Wird gemacht, Herr Becher.“

Becher vertiefte sich wieder in seine Zeitung. Er merkte, wie Bonacker kurz darauf zurückkam. Dann hörte er klirrendes Glas. Als er hinter der Zeitung hervorschaute, sah er wie der Kellner kreidebleich dastand und langsam in die Knie ging. Becher sprang auf und konnte den Kellner gerade noch auffangen, bevor er auf den Marmorfußboden gefallen wäre. Er setzte Bonacker in den Sessel. „Was ist los, Bonacker? Wie fühlen Sie sich?“ Bonacker antwortete nicht. Die Flasche Mineralwasser war heil geblieben. Becher öffnete sie mit dem Flaschenöffner, der an der Jacke des Kellners hing und schüttete ihm Wasser in den Mund. Bonacker fing an zu husten. Das Leben kehrte in ihn zurück.

Er hatte einen Schwindelanfall gehabt, erklärte er. Becher stellte ihm weitere Fragen und fand heraus, dass Bonacker öfters Sehstörungen hatte, morgens oft mit Kopfschmerzen aufwachte und manchmal unter Atemnot litt. Er schickte den Kellner zu seinem Kardiologen. Dieser diagnostizierte Bluthochdruck und verschrieb Bonacker Betablocker.

Bonacker trat zwei Tage später wieder seinen Dienst im Industrieklub an. Kurz darauf ließ Hanswerner Fitsch, der Geschäftsführer des Industrieclubs, ihn zu sich rufen. „Herr Bonacker, ich habe gehört, was vor zwei Tagen passiert ist. Wie geht es Ihnen heute?“

Bonacker antwortete vorsichtig: „Gut, sehr gut. Es war nur eine vorübergehende Schwäche.“ – „Umso besser, umso besser. Wir haben uns schon alle Sorgen um Sie gemacht. Aber Sie verstehen natürlich, dass unser Klub Mitarbeiter braucht, die in allen Situationen stark sind. Das wollen unsere Mitglieder. Starke Mitarbeiter. In allen Situationen“ Fitsch machte eine Pause. „Sie verstehen?“, fragte er. „Ja. Nein. Was wollen Sie damit sagen, Herr Fitsch?“ Fitsch räusperte sich. „Herr Bonacker. Wir brauchen Mitarbeiter, die allen Herausforderungen gewachsen sind. In allen Situationen. Ich versuche dabei durchaus, mit dem guten Beispiel vorzugehen und auch Dinge zu tun, die mir schwerfallen. Deshalb sehe ich mich gezwungen, Sie gehen zu lassen. Die gesetzliche Kündigungsfrist werden wir natürlich einhalten.“ Hanswerner Fitsch fixierte eine bestimmte Stelle an der Holztäfelung, die er immer fixierte, wenn er seinen Mitarbeitern etwas Unangenehmes verkündete.

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