(332) Oscar, das ist eine Überraschung!

von Alain Fux

„Oscar, das ist eine Überraschung!“ Meinolf Becher hatte vom Hühnerfüttern noch die Gummistiefel an, als er ins Wohnzimmer kam. Marianne tadelte ihn zwar, aber zuerst drückte Meinolf seinen Sohn an sich. Als er die Stiefel ausgezogen hatte, setzte er sich für eine Tasse Kaffee zu Frau und Sohn. „Oscar war zufällig in der Gegend. Wegen der Arbeit. Immer die Arbeit.“ – „Und da wolltest du mal sehen, wie es den alten Herrschaften so geht, auf ihrem Bauernhof, was?“, Meinolf knuffte Oscar an die Schulter. „Ja, leider habe ich viel zu wenig Zeit dafür“, antwortete Oscar und schob seine Brille hoch. „Schick siehst du aus. So einen Anzug konnte ich mir im Leben nicht leisten. Bei den hohen Studiengebühren.“ Meinolf fügte hinzu: „Das war ein Scherz!“, als er Mariannes Blick spürte.

Das Bauernleben hatte Meinolf erst aufgenommen, als er seine Maschinenbaufirma verkauft hatte und sich zur Ruhe gesetzt hatte. „Wie geht es dir?“, fragte Marianne. „Wie geht es in der Firma?“ – „Sehr gut. Es läuft alles prima. Was ich mache, ist erfolgreich. Ich verdiene gut dabei und helfe den Menschen.“ – „Aber achtest du dabei auch auf dich? Das ist doch alles irrsinnig stressig in der Wirtschaft heutzutage“, sorgte sich seine Mutter. „Es geht, man muss halt selbst auf sich aufpassen. Das tut keiner sonst.“ – „Warum haben die schlauen Köpfe bei Euch in der Pharmaindustrie nicht schon etwas erfunden, um den Menschen stressresistenter zu machen?“, fragte Meinolf. „Das gibt es schon. Das sind Betablocker. Aber die brauche ich nicht. Ich mache transzendentale Meditation.“ – „Betablocker? Hey, das nehme ich auch. Wegen meines Bluthochdrucks. Tolles Zeug. Ein Hoch auf die Pharmaindustrie. Sie hält uns am Leben.“ Oscar und Meinolf stießen mit ihren Kaffeetassen an. „Im Industrieklub gibt es einen Kellner, Bonacker. Der muss fast so alt sein wie ich. Der hatte vor kurzem einen Anfall, auch Bluthochdruck. Den hab ich zum Arzt geschickt. Bekam auch Betablocker. Tolles Zeug.“ – „Ich bin froh, wenn ich darauf verzichten kann“, sagte Marianne abwehrend. „Betablocker, das klingt gar nicht nett. Das klingt wie etwas, was uns der Russe mit Raketen schickt.“ – „Deine Mutter ist immer noch im Kalten Krieg. Da war sie in Hochform und deshalb ist sie darin hängengeblieben.“ Marianne errötete. Oscar trank seine Tasse aus. „Ich muss jetzt gehen.“ Seine Eltern brachten ihn zur Tür. „Etwas wollte ich Dir noch sagen“, Marianne dachte nach, „da, jetzt hab ich‘s. Kannst du dich an die Hütte im Wald erinnern, wo du als Kind immer gespielt hast? Das ganze Grundstück hat jetzt ein Russe gekauft. Er will darauf ein großes Hotel errichten. Ganz schick.“ – „Stimmt“, fügte Meinolf hinzu, „vielleicht können wir auch einen Teil unseres Grundstücks an ihn verkaufen. Er zahlt gut.“

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