(331) Es war wohl auch das erste Mal für Brechel, dass er den Boss an jener Stelle traf.

von Alain Fux

Es war wohl auch das erste Mal für Brechel, dass er den Boss an jener Stelle traf. Er hatte eine Karte auf den Knien und lotste Nötzel. Brechel und Nötzel redeten kaum. Das war aber immer so gewesen. Brechel hasste Leute, die viel redeten. Nötzel hatte das gewusst und es war einer der Gründe, warum er so nahe an Brechel herangekommen war.

Brechel flößte ihm Respekt ein, denn er war bekannt für seine spontanen Wutausbrüche und für die Gewalt, die er dann anwandte.

Sie fuhren in einen Wald hinein, bogen in einen kleinen Weg und kamen schließlich auf eine Lichtung zu einer Hütte, die am Zerfallen war. Sie stiegen aus. Erst als sie auf das Haus zugingen, fiel Nötzel der große BMW auf, der in der Scheune stand. Er merkte sich das Kennzeichen OB[331]. Das Haus schien zuerst leer, als sie hineingingen, aber Nötzel hatte das Gefühl, dass im Halbdunkel noch jemand wartete. In einem Raum standen zwei Stühle. Brechel setzte sich auf einen davon und wies Nötzel den anderen zu.

Plötzlich fühlte Nötzel einen ungeheuren Schmerz an der Schulter. Es war, als ob ihm jemand einen Schraubenzieher ins Rückenmark gejagt hätte. Sein Körper erstarrte, er verlor die Kontrolle über seine Muskeln. Als er wieder merkte was los war, hatte Brechel ihn mit Handschellen an den Stuhl gekettet. Vor ihm stand ein Mann im schicken Anzug, Brille auf der Nase und Nötzels Brieftasche in der Hand. Auf dem Boden neben ihm lag ein Taser.

Brechel tastete Nötzel ab und nahm ihm die Pistole weg. Der Mann im Anzug schaute die Brieftasche durch und gab sie dann an Brechel, der sie in seiner Tasche verschwinden ließ. Der Unbekannte setzte sich auf Brechels Stuhl, Nötzel gegenüber. „Ist es nicht tragisch, Herr Nötzel? Wir sind hier an einem Punkt, wo alle erreicht haben, was sie wollten. Und danach wird nichts mehr so sein wie vorher.“ Die Stimme war angenehm und kultiviert. Der Mann hätte Radiosprecher sein können.

„Sie wollten mich unbedingt kennenlernen. Hier bin ich. Ich heiße Oskar Becher und bin Produktionsleiter bei Tilden Swift Pharmaceuticals. Ich verdiene gut und mehr noch, seit ich einen kleinen Anabolika-Vertrieb organisiert habe. Ich wusste, dass man einen V-Mann auf mich angesetzt hatte und wollte ihn unbedingt kennenlernen. An dieser Stelle treffen wir uns. Und das war’s dann auch.“

Er nickte Brechel zu, der Nötzel am Gesicht packte und seinen Mund aufriss. Becher warf eine Kapsel hinein und Brechel hielt den Mund zu. Nötzel zappelte und war dann still. Brechel ließ ihn probeweise los, er war tot. „Kegelschneckengift“, erklärte Becher. Sie trugen Nötzel in den Wald und vergruben ihn unter einer Eiche.

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