(330) Brechel war in dem Fitnessstudio und machte Akquisearbeit.

von Alain Fux

Brechel war in dem Fitnessstudio und machte Akquisearbeit. Nötzel war im Auto geblieben, denn sie hatten einen Karton geladen und die Gegend war nicht sicher genug, um den Wagen einfach so stehen zu lassen. Sogar nicht für Brechel.

Nötzel hatte den Eingang des Studios fest im Visier. Er nahm seine Brieftasche und fischte ein kleines Foto aus einem Fach heraus. Darauf war ein dreijähriger Junge abgebildet, der erwartungsvoll in die Kamera grinste. Nötzel schluckte, steckte das Foto wieder zurück und ließ die Brieftasche verschwinden.

Er hatte in der Nacht einen Traum gehabt. Er hatte geträumt, dass er durch das Foto auffliegen würde. Als er aufwachte, hatte er sich immer noch an den Traum erinnert. Den ganzen Tag hatte er sich mit dem Gedanken herumgetragen, dass er das Foto vernichten müsste, aber er hatte es nicht übers Herz gebracht. Nötzel sah seinen Sohn nur sehr selten und das Foto war oft tagelang die einzige Erinnerung an ihn.

Nötzel war ein V-Mann der Polizei, darauf angesetzt den Ring der Anabolika-Händler zu sprengen. Brechel war bekannt als Szeneinsider, aber er war nur die ausführende Hand. Man vermutete dahinter Kontakte zur Pharmaindustrie. Der illegale Straßenverkauf der Präparate war lukrativer und umsatzkräftiger als der reguläre Vertrieb über die Apotheken. Im Gegensatz zu früheren Händlern war der Stoff von Brechel sehr sauber und von hoher Qualität. Daher auch der Verdacht, dass es Kontakte zur Industrie gab.

Nötzel hatte sich über ein Jahr langsam an Brechel herangetastet und dessen Vertrauen gewonnen. Langsam begann es sich auszuzahlen. Manche Dinge erledigte Nötzel alleine, Brechel vertraute ihm. Bisher war Nötzel aber nie dabei gewesen, wenn Brechel die Ware abholte und er hatte keine Ahnung, wer im Hintergrund agierte. Brechel sprach manchmal von ‚ihm‘ und Nötzel hatte das übernommen. Sein Ziel war es, den Kopf der Bande zu identifizieren und genügend Beweise zu sammeln, dass er ins Gefängnis gehen würde. Vielleicht würde es noch Wochen oder Monate dauern.

Brechel kam aus dem Fitnessstudio heraus. Als er auf dem Bürgersteig stand, griff er in die Jacke und holte sein Handy heraus. Jemand rief ihn an. Er blieb stehen, drückte das Kreuz durch. Nötzels Nackenhaare richteten sich auf. Brechel sprach gerade mit der Zielperson. Er hörte zu, nickte manchmal. Dann schaute er zu Nötzel herüber und nickte wieder. Nötzel wusste nicht, ob das Nicken ihm gegolten hatte oder dem Schattenmann.

Brechel steckte das Telefon weg und stieg in den Wagen ein. „Der Chef will dich sehen. Wir fahren ins Grüne.“ Wie in Trance startete Nötzel den Motor und parkte aus.

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