(329) Es war schon früher Abend geworden.

von Alain Fux

Es war schon früher Abend geworden. Bobby saß im Auto und schaute zu dem Haus auf der anderen Straßenseite. Ein Fernseher flimmerte im Wohnzimmer. Walter Koch war auf jeden Fall zuhause, aber Bobby war sich nicht sicher, ob er ihn auch sehen wollte.

Klutz‘ Worte hatten ihn zornig gemacht und er war zu Kochs Haus gefahren. Auf dem Weg dorthin war die Wut abgeebbt und er war sich nicht mehr sicher, was er dort verloren hatte. Er klappte die Sonnenblende herunter. Als er die Spiegelabdeckung beiseiteschob, ging das Licht an und er sah sich im Spiegel an.

Dann stieg er aus und ging hinüber zu Kochs Haus. Er klingelte. Koch öffnete nach einiger Zeit die Tür und starrte ihn an. Bobby starrte zurück. „Komm rein, Bobby“, sagte Koch schließlich und schlurfte sehr langsam zurück ins Wohnzimmer. Er ließ sich in den einzigen Sessel plumpsen. Koch sah alt aus. Er hatte nur mehr ein paar räudige Haare auf dem Kopf. Sonst war er klapperdürr. Als er saß, nahm er einen Schlauch von einer Gasflasche neben sich und stopfte sich zwei Schlauchfortsätze in die Nasenlöcher. An der gegenüberliegenden Wand standen zwei Fernseher übereinander und jedes zeigte einen anderen Nachrichtensender. Koch nahm eine Fernbedienung, die auf der linken Armlehne lag und schaltete den oberen Fernseher stumm. Mit der Fernbedienung auf der rechten Armlehne schaltete er den unteren Fernseher laut. Es folgte ein Börsenbericht. Bobby stand in der Tür und starrte Koch an.

„Ich bin froh, dass du gekommen bist, Bobby. Ich habe viel an dich gedacht.“ Koch wechselte die Stummschaltung der Fernseher. Der obere Fernseher brachte jetzt einen Bericht aus der Bundesliga. „Es tut mir leid, was passiert ist. Ich ahnte es nicht. Nachdem ich dich im Krankenhaus gesehen hatte, habe ich mit dem Handel aufgehört. Von einem Tag auf den anderen. Habe mich komplett aus der Szene zurückgezogen. Leute wie dieser Brechel sind ganz schön schlimm. Ich habe gehört, dass du für ihn arbeitest. Naja, gesund bin ich auch nicht, wie du siehst. Ich kriege sehr schwer Luft.“

Wie um es zu unterstreichen, bekam Koch einen Hustenanfall. Der Schlauch flog ihm aus der Nase. Er stopfte ihn wieder zurück, als er fertig war. „Aber ich habe etwas anderes gefunden. Du wirst lachen, Bobby, es ist Gott. Durch ihn habe ich wieder Hoffnung bekommen. Und ich habe ihm alles erzählt. Er wusste es natürlich schon, aber er wollte es von mir selbst hören. Ich habe ihm von dir erzählt und von dem Fehler, den ich gemacht habe. Ich habe Gott gesagt, dass ich es bereue. Und Gott hat mir verziehen. Das ist der einzige Grund, warum ich noch lebe. Gott hat mir verziehen.“

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