(325) Anja Lehnert musste kichern, als der Organist das Lied „Happy again“ anstimmte.

von Alain Fux

Anja Lehnert musste kichern, als der Organist das Lied „Happy again“ anstimmte. „There was someone before, there’ll be someone again“, summte sie mit. Sie hatte erboten, sich bei der Hochzeit ihrer Schwester um die Musik in der Kirche zu kümmern. Sowohl Birthe als auch die Mutter der beiden Schwestern, waren dankbar gewesen, weil sie dachten, Anja hätte endlich verziehen. Aber dem war nicht so. Anja dachte immer noch daran, dass Birthe ihr vor drei Jahren den Freund ausgespannt hatte. Birthe gab die Unschuldige und sagte, sie sei verführt worden. Aber Anja glaubte ihr nicht. Lange Zeit hatte Birthe nicht mit dem Ex-Freund ausgehalten. Auch dafür war Anja ihr böse. Das Ausspannen war nur, um sie bloßzustellen.

Sie hatten drei Jahre kaum miteinander geredet. Dann die für Anja überraschende Hochzeit mit irgendeinem Banker, der Birthe das Luxusleben bieten konnte, für das sie nicht zu arbeiten brauchte. Die Mutter hatte die beiden Mädchen wieder in Kontakt gebracht. Sie wollte eine große friedliche Familie. Anja hatte nachgegeben, aber auf Rache gesonnen.

Ein Teil ihrer Rache war die Musik in der Kirche. Vielleicht fiel es ja sonst keinem auf, aber irgendetwas würde hängen bleiben. Vor allem hatte sie aber Bobby Maurer mitgebracht und allen, als ihren Freund vorgestellt. Ihre Mutter hatte fast einen Nervenzusammenbruch gekriegt und Birthe hatte mit irrlichternden Augen geschaut.

Anja wusste, dass in diesem Augenblick die ganze Hochzeitsgemeinde nur an Bobby dachte und nicht an Birthes Hochzeit. Bobby war natürlich nicht Anja Lehnerts Freund. Er war eine Bekanntschaft aus dem Fitnessstudio, in das Anja ging. Er war sehr einfach gestrickt. Immer guter Laune, aber ohne sich mit zu komplexen Gedankenfolgen abzumühen. Vor allem aber hatte Bobby zu viele Mittelchen ausprobiert und sah sehr seltsam aus. Zum einen bestand er aus übertriebenen unförmigen Muskelmassen. Im Anzug sah er aus wie der Hulk. Man erwartete, dass er bei der leisesten Verärgerung seinen Anzug in Fetzen reißen würde. Auch Bobbys Gesicht sah seltsam aus. Sein Kinn war sehr breit, die Wangenknochen stachen hervor und seine Augen standen sehr eng beieinander.

Am auffälligsten war jedoch Bobbys Hautfarbe. Anja nahm an, dass es Nebenwirkungen von anderen Präparaten waren, die Bobbys Haut sehr dunkel erschienen ließen. Es war, als ob er jeden Tag Stunden auf der Sonnenbank verbrachte. Es hatte Anja viel Überwindung gekostet, Bobby anzusprechen, aber sie wusste, dass es ihre Rache beflügeln würde. Und das tat es.

Immer wieder schauten Hochzeitsgäste zu Bobby. Sogar der Pfarrer schaute immer wieder hin, während er sprach. Nachher musste Anja darauf achten, dass Bobby auf möglichst vielen Fotos sein würde. Oh nein, mit Birthe war sie noch lange nicht fertig.

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