(320) Der wahre Terry S. Pinter nahm sich für zwei Wochen Urlaub.

von Alain Fux

Der wahre Terry S. Pinter nahm sich für zwei Wochen Urlaub. Der Bibliotheksleiter hatte Verständnis, wies der guten Ordnung aber darauf hin, dass Urlaube einen Monat vorher angemeldet sein müssten.

Pinter hatte keine Erfahrung, was Urlaube anging. Irgendwo hatte er mal gelesen, dass Urlauber in Ferienklubs immer nur mit dem Vornamen angesprochen werden. Das war genau der richtige Ort für ihn. Ein Terry unter vielen. Kein S. und kein Pinter vor denen er sich hüten musste.

Er buchte und fand den Preis trotz des Last Minute-Rabatts für völlig überzogen. Der Preis der Anonymität, dachte er. Er flog am nächsten Tag. Beim Einchecken und beim Zoll gab es noch Bemerkungen zu seinem Namen. Jedes Mal verkrampfte sein Magen dabei. Im Ferienklub war er wirklich nur Terry. Nicht mal als er seinen Pass vorlegen musste, kam eine Bemerkung.

Seit seine Mutter gestorben war, hatte ihn keiner mehr einfach nur Terry genannt. Terenz, der römische Komödiendichter. Eines seiner bestbekannten Stücke war Heautontimoroumenos, der Selbstquäler. Vielleicht war dies ein Wink des Schicksals, sich nicht so ernst zu nehmen und sich das Leben nicht unnötig zu erschweren.

Als Terry war alles einfacher. Die Sonne schien, das Meer brandete, die Palmen wogen sich. Terry genoss die Spaziergänge an Strand, das Nickerchen im Liegestuhl, das Zirpen der Grillen in der Nacht, der Schatten der Palmen, unter denen er las. Natürlich ging er nicht auf die aufdringlichen Sportangebote ein, die ihm dauerlächelnde junge Leute ständig unterbreiteten. Einmal sagte er, dass er im Urlaub sei. Sie hielten es wohl für einen Witz und fragten immer wieder. Das war etwas nervend. Er vermied es auch schon am ersten Tag, sich am Swimmingpool aufzuhalten, obwohl es von dort aus einen schönen Blick auf das Meer gab. Die lärmenden Großfamilien waren ihm ein Graus. Eigentlich hätte er ein paar Runden schwimmen können. Früher machte er das sehr gerne. Aber er erwartete, dass die vielen Kleinkinder unerlässlich ins Wasser pinkelten, während sie kreischend mit ihren Schwimmflügeln herumpaddelten.

Die meiste Zeit des Tages verbrachte er alleine. Nur bei den Mahlzeiten ließ sich der Kontakt mit den anderen Gästen nicht vermeiden. Beim Frühstück war es noch erträglich, weil er gleich bei der Eröffnung des Frühstücksbuffets kam. Dann waren dort außer ihm nur noch Dauerläufer und andere Sportler mit asketischem Gesichtsausdruck. Terry las eines seiner Bücher und ignorierte sie. Mittags aß Terry nur etwas Obst, das er sich vom Frühstücksbuffet stibitzt hatte. Es war eigentlich nicht erlaubt, aber er fand, dass angesichts seiner sonstigen Zurückhaltung diese Abweichung von den Regeln erlaubt sein sollte.

Abends war es schlimm. Die Väter waren alkoholisiert, die Mütter gestresst und die Kinder aufgedreht. Sein Tisch stand inmitten mehrerer großer Tische, an denen es viele Kinder gab. Keiner mochte Terry, seit es ihm eines Abends herausgerutscht war, einer Mutter, die ihr quengelndes Kind tröstete, zu sagen, dieser Anlass sei nichtig. Seitdem hatte er den Eindruck, dass alle ihn böse anschauten. Er bekam wieder Herzklopfen.

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