(319) Die Sekretärin hielt ihm die Tür auf, als ob sie für ihn den Tabernakel aufschlösse.

von Alain Fux

Die Sekretärin hielt ihm die Tür auf, als ob sie für ihn den Tabernakel aufschlösse. Pinter ging hindurch in einen Raum mit Bücherregalen bis unter die Decke, einem großen Schreibtisch in der Mitte und einem Geruch von abgestandenen Fürzen in der Luft. Hinter dem Schreibtisch saß ein alter Mann mit einem bleichen Gesicht, dass verzerrt war durch chronische Schmerzen oder genetische Verschrobenheit. Er schaute Pinter über seine Lesebrille hinweg an.

Pinter stellte sich vor, hielt die Hand ausgestreckt. Sein Gegenüber zeigte nur auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und sagte nichts. Er ergriff und schüttelte auch nicht die Hand. „Sie wurden mir empfohlen“, sagte Pinter seinem Anwalt zur Begrüßung. „Aha, und warum?“, antwortete Bradley Pitt und verengte seine Augenschlitze, als ob er von seiner Beute Maß nahm. „Keine Ahnung, aber so ist es.“ – „Hmm… Also, worum geht es?“ – „Ich möchte Terry S. Pinter verklagen.“

Pitt starrte Pinter an. Dann überprüfte er den Terminkalender, der auf dem Sideboard senkrecht zum Schreibtisch auslag. „Aber das sind doch Sie!“ – „Nein. Ja, schon. Aber nein.“ – „Sind Sie sicher, dass Sie zu einem Anwalt wollen? Denn ich bin Anwalt. Oder hatten Sie vielleicht eher einen Psychiater im Sinn? Wegen Ihrer multiplen Persönlichkeiten?“ Pinter erklärte die Situation. Pitt starrte ihn an. Dann erklärte Pinter sie noch einmal.

„Jetzt verstehe ich“, sagte Pitt. „Aber guter Mann, wo liegt das Problem? Ich wusste ja nicht einmal, dass es so einen Schauspieler gibt. Warum wollen Sie diese Sache aufwirbeln? Das ist doch sehr unfein. Ein Gentleman befasst sich nicht mit Filmen.“ Pinter erklärte sein Problem noch ein weiteres Mal. „Mein lieber Mann, Sie sind vielleicht zu dünnhäutig. Das ist ein fiktiver Charakter, der nichts mit Ihnen zu tun hat. Die Chancen, den Prozess gegen diesen anderen Terry S. Pinter zu gewinnen und ihn zu einer Namensänderung zu bewegen, sind null. Und deshalb mache ich es nicht. Wenn die Klage nicht zu gewinnen ist, klage ich nicht. Lassen Sie sich von meiner Sekretärin Ihren Vorschuss zurückgeben. Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.“ Pinter ließ plötzlich seinen Widerstand fallen, gegen alles, was er immer vermeiden wollte. „Dann will ich meinen Namen ändern!“, sagte er. „Heiraten Sie!“, entgegnete Pitt. „Auf keinen Fall. Wenn die Frauen meinen Namen hören, kommen sie. Und wenn sie mich dann sehen, laufen sie schnell weg. Ich will mir einfach einen anderen Namen suchen.“ – „Das geht nicht. Wegen einer solchen Lappalie kann man seinen Namen nicht ändern. Dieser Anlass ist einfach zu nichtig, Mr Pinter.“

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