Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Januar, 2017

(348) Ich bin gleich fertig, Liebes. Noch fünf Minuten.

„Ich bin gleich fertig, Liebes. Noch fünf Minuten.“ Nikolaus Egger saß in weißem Hemd, weißer Hose und weißen Lederslippern zu Hause an seinem Schreibtisch. Heute Abend würde er mit Angelika, seiner Frau, Tango tanzen gehen. Darauf freute er sich jedes Mal. Vorher wollte er noch das Kapital seiner Memoiren Korrekturlesen, das er am Vortag geschrieben hatte.

Der Arbeitstitel seiner Memoiren lautete ‚Unter der Haut‘ und er wollte darin seine Erfahrungen als Gerichtsmediziner darstellen. Am Vortag hatte er an einem der seltsamsten Fälle geschrieben.

Es ging dabei um den Tod von Elfriede Hillmann. Frau Hillmann war 67 Jahre alt und besserte ihre karge Rente als Büroputzfrau auf. Da sie sehr schlecht schlief, arbeitete sie von 23 Uhr bis manchmal 5 Uhr früh.

Eines frühen Morgens fanden Angestellte ihren leblosen Körper in einem Aufzug des Bürohauses, in dem sie putzte. Die Leiche hatte keinen Kopf mehr. Mit ihr in der Aufzugkabine war ein großer Papiermülleimer. Als die Spurensicherung ihn öffnete, fanden sie in den Shredderabfällen, mit denen der Mülleimer halb gefüllt war, ihren Kopf. Die ermittelnden Polizisten konnten sich keinen Reim auf diese Umstände machen.

Der Fall kam zu Nikolaus Egger. Er untersuchte die zweiteilige Leiche eingehend und besichtigte auch die Aufzugskabine. Er vermass Kabine, Mülleimer und Leiche und baute ein kleines Holzmodell. Damit beschäftigte er sich längere Zeit, bis er die Lösung gefunden hatte.

Demnach war der Tatverlauf wie folgt: Frau Hillmann hatte irgendwann die ihr zugeteilten Büros fertiggeputzt. Das Letzte, was sie immer tat, war mit dem Aufzug die beiden Mülltonnen nach unten in den Müllraum zu bringen. Eine Mülltonne war für Papier, eine für den Rest. Sie fing mit dem Papiermüll an.

Sie ging zuerst in die Aufzugskabine und zog den Mülleimer hinter sich herein. Das war eigentlich gegen die Vorschriften, da die Aufzugskabine an der Einstiegsseite offen war. Da sie immer alleine arbeitete, war nicht zu ermitteln, ob dieser Verstoß einmalig oder systematisch war. Sie drückte den ‚-1‘-Knopf und die Aufzugskabine fuhr nach unten. Als sie am siebten Stockwerk vorbeifuhr, blieb der Mülleimer an der Bodenkante des Ausstiegs hängen. Da der Aufzug weiterfuhr, verkantete sich der Mülleimer zwischen der Bodenkante und der Frau an der Rückwand der Kabine. Die Kante des Mülleimers blieb Frau Hillmann unterm Kinn stecken. Sie rutschte an der Aufzugwand nach oben. Der Deckel des Mülleimers öffnete sich. Als sie oben an der Kabinendecke ankam, schnitt die Kante des Mülleimers ihr in den Hals und, da der Aufzug immer noch weiterfuhr, trennte die Kante ihr schließlich den Kopf ab. Er fiel in den Mülleimer. Da der Mülleimer nunmehr Platz bis zur Rückwand der Kabine hatte, entkantete er sich und rutschte wieder in die ursprüngliche Position zurück. Der Aufzug fuhr weiter bis ins Untergeschoss und blieb dort, bis ihn die frühen Mitarbeiter ins Erdgeschoss riefen.

Egger hatte damals einen Artikel über den Fall für die Annalen der Rechtsmedizin geschrieben. Er war auch heute noch stolz darauf, wie genau er den Fall rekonstruiert hatte.

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(347) Menzel konnte seinen Artikel über Greta auch schreiben…

Menzel konnte seinen Artikel über Greta auch schreiben, ohne den krönenden Abschluss selbst erlebt zu haben. Die Details von Gretas Stuhlgang hätte man eh nicht im Detail abdrucken können. Es war das übliche Tierdrama mit Happy End. Menzel selbst war zufrieden, dass er die Telefonnummer der Wärterin hatte. Er schätzte zupackende Frauen. Lang winkte die Story durch, ohne sie gelesen zu haben. „Hauptsache der Elefant lebt noch“, war sein einziger Kommentar.

Das nächste Projekt für Menzel war der seltsame Tod von Marietta Zimmer. Sie lebte mit ihrem Mann Hansjörg an einem Bach. Durch starke Regenfälle war der Bach innerhalb kurzer Zeit zu einem reißenden Wasserlauf geworden, der das Erdgeschoss des Hauses überschwemmte. Hansjörg wollte dem Rat der Feuerwehr folgen und das Haus verlassen, bis zumindest der Höchststand des Pegels erreicht sein würde. Marietta war dagegen. Sie hatte über Jahre hinweg eine große Vielfalt an Zimmerpflanzen gezüchtet, die sie auf keinen Fall im Stich lassen wollte.

Nach einer heftigen Diskussion verließ Hansjörg Zimmer das Haus mit einem Schlauchboot der Feuerwehr. Marietta blieb zurück bei ihren Pflanzen, die sie alle im ersten Stockwerk des Hauses aufgestellt hatte. Sie hatte genügend Lebensmittel für eine ganze Woche. Sie winkte Hansjörg zu, als das Schlauchboot dem Wasserlauf folgend, außer Sicht geriet.

Drei Tage später fand die Feuerwehr ihre Leiche, die im Erdgeschoss des Hauses lag. Eine Untersuchung fand statt. Hansjörg Zimmer geriet unter Verdacht, dass er heimlich zurückgekommen war und seine Frau ermordet hatte.

Noch vor der Pressekonferenz der Polizei konnte Menzel über gute Kontakte den zuständigen Gerichtsmediziner, Nikolaus Egger, interviewen. Egger erklärte ihm, dass es nur ein tragischer Unfall gewesen sei. Marietta Zimmer habe Wasser gebraucht, um ihre Pflanzen zu gießen. Zuerst nutzte sie das in Flaschen abgefüllte Mineralwasser. Die Trinkwasserzufuhr war von Beginn der Überschwemmung unterbrochen worden. Dann merkte sie, dass das Wasser nicht ausreichen würde, da sie ja auch selbst trinken musste.

Sie beschloss, die Pflanzen mit dem Wasser zu gießen, das wegen der Überschwemmung in ihrem Haus stand. Mit der Gießkanne in der Hand stieg sie die Treppe hinunter und beugte sich knapp über der Wasseroberfläche nach vorne, um die Kanne zu füllen. Dabei muss sie ausgerutscht und uns Wasser gefallen sein. Sie stieß mit dem Kopf an einen Zinnkrug, der unter Wasser auf dem untersten Treppenabsatz stand und verlor das Bewusstsein. Sie ertrank in ihrem eigenen Hausflur. Keine Fremdeinwirkung. Ein tragischer Unfall.

Als die Pressekonferenz begann, hatte Menzel seinen Artikel schon fertig.

(346) Bei der internen Untersuchung des Todesfalls von Günther Runge durch das Krankenhaus…

Bei der internen Untersuchung des Todesfalls von Günther Runge durch das Krankenhaus, war die Schuld von Nick Menzel aufgedeckt worden. Der Herausgeber der Zeitung war aber gleichzeitig Vorsitzender des Verwaltungsrats des Krankenhauses und deshalb kam die Todesursache nicht im Detail an die Öffentlichkeit.

Menzel musste eine unendlich lange Gardinenpredigt von Fred Lange über sich ergehen lassen. Fürs erste wurde er für „spezielle“ Projekte eingeteilt.

Das erste spezielle Projekt, das Menzel covern musste, war der Fall von Greta. Greta war eine Elefantendame im Städtischen Zoo. Sie litt bereits seit einer Woche unter Verstopfung. Da sie bei den Lesern der Tageszeitung sehr beliebt war, war es eine Ehrensache, über ihre Fortschritte zu berichten. „Aber bring‘ den Elefanten nicht um, Nick“, gab Lange ihm mit auf den Weg.

Menzel traf sich mit der Elefantenwärterin. Friederike Riesfeldt war eine attraktive blonde Frau von Anfang 30. Sie erzählte Nick, dass sie es bereits mit einer weit höher als vorgeschriebenen Dosis an Abführmitteln versucht habe, Greta aber weiterhin verstopft sei. Sie wollte es jetzt mit einem Einlauf versuchen. Wenn Nick wollte, konnte er nicht nur darüber berichten, sondern ihr auch dabei helfen. Normalerweise hätte Menzel abgelehnt, aber Friederike war wirklich sehr attraktiv.

Zuerst bereiteten sie die Flüssigkeit vor: eine Seifenlauge, die sie in einen großen Plastikcontainer füllten. Den Container hievten sie dann mit einem Gabelstapler auf drei Meter Höhe. Am Container war ein Schlauch angebracht, der jetzt herunter baumelte. Friederike streifte einen hellgrünen Plastikhandschuh über, der ihr bis an die Schulter reichte. Nick musste den Handschuh mit einem Gleitmittel bestreichen. „Bis zum Ellbogen reicht“, wies ihn Friederike an, „das verteilt sich.“

Sie stieg auf ein Podest, an den ein anderer Wärter Greta rückwärts heranführte. Beherzt griff Friederike Greta in den After. Sie holte zuerst einzelne Fäkalstücke heraus. Als sie bis zur Schulter im Darm des Tieres steckte, sagte sie: „Hier ist die Verstopfung. Gib mir mal den Schlauch.“ Nick reichte ihr das Schlauchende, das sie der Elefantenkuh einführte. Dann musste Nick das Ventil öffnen und die Einlaufflüssigkeit lief in Greta hinein. Als der Container etwa zur Hälfte leer war, wurde Greta unruhig. Friederike nahm den Schlauch heraus und streifte den Handschuh ab. Sie nahm Nick mit zur Seite. „Jetzt heißt es warten.“

Aber es geschah nichts. Greta stand einfach nur da. „Ich muss zurück in die Redaktion“, sagte Nick. „Ich werde bestimmt noch Fragen haben. Kannst du mir deine Telefonnummer geben?“ Sie schrieb ihre Nummer auf seinen Schreibblock. Nick war bereits auf halbem Weg zur Zeitung, als der Einlauf bei Greta zu Wirken begann.

(345) Günther Runge war eine der letzten wahren Unterweltgrößen.

Günther Runge war eine der letzten wahren Unterweltgrößen. Bis vor etwa zehn Jahren hatte er die kleinen und größeren Ganoven mit Eisenhand geführt und dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit die Existenz eines organisierten Verbrechens gar nicht wahrnahm.

Dann waren andere Verbrecher aus dem Ausland gekommen, die sich nicht um einen Verhaltenskodex scherten und die ihre Differenzen untereinander und vor allem die Differenzen mit Leuten wie Runge in aller Öffentlichkeit austrugen.

Das wollte Runge nicht mitmachen und er zog sich aus dem Geschäft zurück. Verschiedene Verlage hatten versucht, ihn dazu zu bringen seine Memoiren zu schreiben, aber er hatte sich immer geweigert.

Jetzt lag er im Bett, neben dem Nick Menzel saß, und die Kraft schien den massigen Körper verlassen zu haben. Da Runge beatmet werden musste, war die Kommunikation mit ihm schwierig. Runge schrieb ein paar Worte auf einen großen Block, der neben ihm lag, und Menzel versuchte zu ergründen, was er damit meinte.

Runge schrieb: ‚Bürgermeister Mord‘. Menzel sagte: „Meinen Sie das Attentat auf Bürgermeister Tauchert vor zehn Jahren?“ Runge kniff zur Zustimmung die Augen zusammen. Er schrieb: ‚Nicht ich.‘

„Sie waren es nicht? Obwohl jeder fest dieser Meinung war und Sie nur wegen Mangels an Beweisen freigelassen wurden?“

Runge schrieb: ‚Weiß wer.‘

„Sie wissen, wer es war? Warum haben Sie das nicht zur Verteidigung gesagt?“ Menzel war aufgestanden und beugte sich über das Bett, um besser zu erkennen, was Runge schrieb.

Der Mord an Tauchert war ein Ereignis, das die Stadt nachhaltig traumatisiert hatte. An jedem Jahrestag gab es in Menzels Zeitung ein Special, in dem man neue Erkenntnisse besprach. Runge war auch jetzt noch der meistgenannte potenzielle Täter.

„Wer war es denn?“ Runge schrieb: ‚Versprechen erst nach Tod.‘ „Sie wollen, dass ich es erst nach Ihrem Tod verwende? Natürlich, das verspreche ich.“

Runge hatte die Augen geschlossen. Er schien nachzudenken. Menzel war ganz aufgeregt. „Herr Runge?“ Er tippte leicht Runges Hand an. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und eine Krankenschwester kam hereingestürmt. „Raus, raus.“ Sie beugte sich über Runge.

Als Menzel sich vom Bett löste, merkte er, dass sein rechter Schuh, den er auf die Bettkante gestellt hatte, den Beatmungsschlauch von Runge zugequetscht hatte. Er ging langsam zur Tür. Die Schwester rief nach einem Defibrillator. Menzel stand schon im Flur, als ein Arzt mit einem Gerätewagen ins Zimmer fuhr. Er wartete, bis klar war, dass Runge tot war.

Menzel hatte seine Quelle umgebracht. Und es gab keine andere Information, die er veröffentlichen konnte.

(344) Das ist doch unerträglich langweilig!

„Das ist doch unerträglich langweilig!“, flüsterte Nick Menzel seiner Kollegin Daniela Hengst zu. Ihr Chef, Fred Lange, hielt jedes Jahr bei der Weihnachtsfeier der Redaktion eine Rede. Von Jahr zu Jahr wurden seine Reden langatmiger und sentimentaler. Daniela zeigte ihm, dass sie eine Flasche Wodka hinter ihrem Rücken versteckt hielt und zeigte mit ihrem Kopf zum Flur hin. Sie stahlen sich aus dem Großraumbüro heraus, während die anderen Kollegen mehr oder weniger andächtig Fred Lange zuhörten, der bei seinem Jahresrückblick mittlerweile bei Mai angekommen war.

Daniela führte Nick in den großen Kopierraum und schloss die Tür hinter ihm. „Jedes Jahr das Gleiche. Warum bin ich überhaupt gekommen?“, schimpfte Nick. Er nahm einen Schluck aus der Wodkaflasche, die Daniela ihm hinhielt. Sie trank auch. Beide waren schon etwas beschwipst, denn die inoffizielle Weihnachtsfeier hatte schon am Nachmittag begonnen.

Daniela drückte auf den Start-Knopf des großen Kopierers. Der Lichtstreifen sprintete über die Wand. Sie schaute erst Nick an, dann klappte sie den Deckel des Kopierers hoch. Sie zog ihren Pullover bis zu den Schultern hoch und platzierte ihre Brüste auf das Vorlagenglas. Nick drückte auf Start. Ein Lichtblitz zuckte durch den Raum. Daniela bedeckte ihre Brüste wieder und nahm die Kopie aus der Ausgabe. Sie schien zufrieden mit dem Ergebnis. Sie hielt Nick das Blatt hin und sagte: „Jetzt bist du dran.“ Menzel öffnete seinen Gürtel und ließ die Hose fallen. „Wir Journalisten sind der Wahrheit verpflichtet. Wenn es die Information gibt, dann raus damit!“

„Völlig richtig“, sagte Fred Lange, der unbemerkt eingetreten war. Er schaute sich die Kopie von Danielas Busen an. „Ganz nett“, sagte er, „ich melde mich, wenn ich mal Saure-Gurken-Zeit habe.“ – „Immer gerne zu Diensten, Herr Lange. Gemeinsam werden wir das Sommerloch bestimmt füllen“, konterte Daniela. Menzel stand feixend da und zog die Hose wieder hoch. Er schloss den Gürtel.

„Du musst schnell nüchtern werden, Nick“, sagte Lange. „Wir haben einen Scoop. Du musst sofort ins Städtische Krankenhaus. Günther Runge liegt im Sterben und möchte ein paar Dinge geraderücken. Seine Frau hat mich gerade angerufen. Multiorganversagen, Intensivstation. Jede Minute zählt. Weihnachten läuft nicht weg.“ Menzel wollte sich an Lange vorbeischleichen. „Nick?“ – Menzel blieb stehen. „Deine Hose steht offen. Macht einen schlechten Eindruck im Krankenhaus.“

(343) Aus aktuellem Anlass sehen wir jetzt einen Kommentar des langjährigen USA-Korrespondenten Lothar Strasser zum Thema Pressekodex.

„Aus aktuellem Anlass sehen wir jetzt einen Kommentar des langjährigen USA-Korrespondenten Lothar Strasser zum Thema Pressekodex.“

Ein älterer Herr mit einer Prinz-Heinrich-Mütze auf dem Kopf kommt, hoch über dem Meer, am Rand einer Steilklippe entlanggehend auf die Kamera zu. Die Kamera begleitet ihn weiter auf seinem Spaziergang, während seine Stimme aus dem Off kommt.

„Gerade im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen spielt der Pressekodex eine große Rolle. Es soll keine unangemessenen Darstellungen geben. Wenn jemand stirbt, sollte die Kamera nicht draufhalten oder es sollte keine schriftlichen Detailbeschreibungen geben.“

Strasser blieb stehen und sprach jetzt direkt in die Kamera: „Die Würde des Menschen ist auch im Pressekodex unantastbar. Jemand der leidet, sei es physisch oder psychisch sollte nicht auch noch von der Sensationslust ausgenutzt werden.“ Dann ging Strasser weiter, die Kamera folgte ihm und seine Stimme kam wieder aus dem Off.

„Bei Gewalttaten gilt der Grundsatz, eine authentische, sachliche und unabhängige Darstellung umzusetzen. Journalisten sollten keine Details verwenden, die nur eine Zurschaustellung der Opfer, aber auch der Täter bewirken. Die Aufgabe des Journalisten ist es nicht, Straftaten aufzuklären. Das ist die Aufgabe der Polizei. Manchmal versuchen Verbrecher oder die Polizei, Journalisten zu nutzen, um mit der jeweils anderen Seite zu kommunizieren. Das ist falsch. Die Unabhängigkeit ist des Journalisten höchstes Gut. Natürlich sind Interviews mit Straftätern während der Tat nicht zulässig. Es werden keine Autodiebe oder Auftragsmörder ‚on the job‘ dargestellt. Auch Memoiren von Verbrechern, die aus der Rücksicht ihre Taten glorifizieren, sind nicht erlaubt.

Aber auch Nachrichtensperren, die die Polizei verhängt, sind nicht zu beachten. Wenn es bekannt ist, muss es raus. Natürlich nur, wenn die Bekanntgabe keine anderen Grundsätze verletzt. Auch beim Pressekodex ist Fingerspitzengefühl notwendig.“

Strasser blieb stehen. Aus dem Off stellte eine Frauenstimme eine Frage: „Hat die Kollegin Klara Pfeifer bei ihren Nachforschungen zum Fall Loos die Grenze übertreten?“ Strasser blickte nachdenklich hinaus aufs Meer und wandte sich dann wieder der Kamera zu: „Nun, ich denke nicht. Allerdings fand ich die Ergebnisse ihrer Recherchen von einer unglaublichen Belanglosigkeit. Wenn das Sensationsjournalismus war, dann gehörte er zur sedierten Variante. Unerträglich langweilig.“

Strasser ging weiter an der Steilküste entlang. Die Strahlen der untergehenden Sonne trafen ins Objektiv der Kamera und verursachten Blendenflecke.

(342) Klara Pfeifer schaltete das Diktafon ein.

Klara Pfeifer schaltete das Diktafon ein. „So, Herr Jurisch, für unsere Leser, wie war das, als sie plötzlich Frau Loos am Fluss gegenüberstanden.“ Jurisch erzählte die Geschichte, wie er mit seiner Angelausrüstung vom Wagen zum Fluss ging und dabei zwei sehr laute Knalle rasch nacheinander hörte. Er stellte alles nieder und eilte in die Richtung, aus der die Schüsse kamen. Und dann stand Astrid vor ihm, die noch rauchende Pumpgun in der Hand.

Klara fragte, wie gut er die drei kannte. „Detlev kannte ich sehr gut. Schon seit Jahren. Guter Angler. Toller Fliegenbinder. Kathrin, sehr gute Anglerin. Optisch nicht die Wucht. Sie hatte wohl mal einen Unfall. Hätte ich nie gedacht, dass die mal was zusammen haben würden. Aber, wo die Liebe hinfällt. Astrid Loos hatte ich einmal viel früher gesehen. Aber sie war sich ja zu fein, für uns Anglervolk. Sie kam nie mit. Und dann passiert das.“ – „Wie erklären Sie sich, dass Herr Loos und Frau Junk ein Verhältnis anfingen?“ Plötzlich schaltete Jurisch auf stur. „Sagen Sie, warum stellen Sie diese Fragen? Was soll das werden?“

Klara schaltete das Aufnahmegerät aus. „Ich will eine Story schreiben über diese Tat, weil meine Leser das besser verstehen wollen. Dieser brutale Doppelmord passiert mitten unter ihnen… Natürlich haben sie ein Recht darauf, zu erfahren, was genau passiert ist.“ – „Ich weiß nicht“, antwortete Jurisch. „Nachher kommen dabei Schlagzeilen raus wie ‚die brutalen Fischmörder‘ oder ‚Wenn aus Fischern Jäger werden‘. Das gibt ein falsches Bild. Wir Angler haben das Nachsehen, aber bei Ihnen geht die Auflage durch die Decke.“ Klara stritt diese Anschuldigungen ab, notierte sich aber vorsorglich den Titel ‚Wenn aus Fischern Jäger werden‘.

„Wie haben denn die anderen Angler reagiert?“ – „Es war schrecklich. Unsere Frauen haben uns nicht mehr aus dem Haus gelassen. Sie dachten, na Sie wissen schon.“ Klara wartete mit schief gelegtem Kopf. Jurisch wurde etwas rot im Gesicht. „Na, dass alle Angler sich bei heruntergelassener Hose mit Weibsbildern vergnügen, anstatt mit hochgezogener Wathose im Fluss zu stehen.“ – „Bei Ihnen auch?“ – „Bin nicht verheiratet!“ Jurisch kniff die Augen leicht zusammen. „Gehen Sie eigentlich gerne angeln, Fräulein Pfeifer?“ – „Frau Pfeifer. Und nein, ich gehe nicht Angeln, ich hasse es.“ Jurisch gab nicht auf. „Immerhin haben Sie schon mal eine Meinung dazu. Soll ich es Ihnen mal zeigen, wie das so geht mit einer Rute?“ Klara Pfeifer warf Block, Bleistift und Diktafon in ihre Umhängetasche und stand auf. „Auf Wiedersehen, Herr Jurisch. Ich glaube, dass ich genug gehört habe.“

(341) Detlev verliebte sich in eine andere Frau.

Detlev verliebte sich in eine andere Frau. Damit hatte Astrid nicht gerechnet. Er verkündete es ihr, als er eines Abends vor seinem Bindestock saß und Köder fabrizierte. Detlev wollte sich von Astrid scheiden lassen. Alle weiteren Details musste Astrid ihm aus der Nase ziehen.

Detlev hatte die andere Frau beim Angeln kennengelernt. Sie war wohl eine begnadete Fliegenfischerin. Sie hatte Detlev gelobt, weil er so tolle Fliegen binden konnte. Erst hatte sie gar nicht geglaubt, dass Detlev sie selbst angefertigt hatte. Er hatte ihr einen Antrag gemacht. Sie hatte zugesagt. Sie hieß, dabei zögerte er etwas, Kathrin Junk.

Astrid versuchte, mit ihm zu argumentieren, aber Detlev blieb stur. Wenn er einmal eine Idee im Kopf hatte, war er nicht davon abzubringen. Zum ersten Mal ging Astrid weg und übernachtete in ihrer eigenen Wohnung.

Sie holte Erkundigungen zu Kathrin Junk ein. Sie war in Anglerkreisen sehr bekannt. Astrid fand ein Foto von ihr, auf dem sie bei einem Wettangeln als Siegerin ausgezeichnet wurde. Astrid blieb der Atem stocken. Kathrin Junk musste vor einiger Zeit einen Unfall gehabt haben, bei dem ihre Mundpartie verunstaltet worden war. Auch die Augen standen schief zueinander. Astrid war fassungslos. Eine Scheidung würde bedeuten, dass Detlev die Hälfte ihres Vermögens bekommen würde. Und sie war wütend, dass er sie betrogen hatte, nach dazu mit einer so hässlichen Frau. Sie dachte sich einen Plan aus.

Am nächsten Samstag verließ sie das Haus gleich nach Detlev und folgte ihm mit ihrem Wagen. Sie sah, wie er die Nebenbuhlerin abholte. Als sie an dem Fluss angekommen waren, an dem die beiden angeln wollten, schlich sie ihnen nach.

In der Hand hielt sie die Gewehrtasche mit der Pumpgun, die sie sich besorgt hatte. Sie wartete, bis Detlev und Kathrin ihre Wathosen angezogen hatten und mit ihren Ruten in den Fluss hineingingen. Dann packte sie die Pumpgun aus, stellte sich an das Ufer des Flusses und feuerte eine Ladung auf Detlev, lud nach und dann noch eine Ladung auf Kathrin. Beide wurden von den Schüssen umgerissen. Im Fluss vereinte sich ihr Blut.

Astrid drehte sich um und wollte zum Auto zurück. Dann stand ihr ein anderer Angler im Weg. Sie warf ihm die Pumpgun vor die Füße. Die Polizei kam und nahm sie fest. Sie holte sich den besten Anwalt, den es in der Stadt gab. Er plädierte auf Unzurechnungsfähigkeit. Den Besitz der Pumpgun erklärte er damit, dass Astrid einen Waffenschein machen wollte. Der Richter hatte erhebliche Zweifel an der Geschichte, verhängte eine Strafe von fünf Jahren wegen Totschlags, setzte sie aber zur Bewährung aus.

(340) Detlev Loos arbeitete als technischer Zeichner in einem Maschinenbauunternehmen.

Detlev Loos arbeitete als technischer Zeichner in einem Maschinenbauunternehmen. Er war verheiratet mit Astrid Loos, die nach der Heirat mit ihm ihren Job als Schmuckverkäuferin aufgab. Kinder stellten sich zwar keine ein, aber Astrid blieb trotzdem als Hausfrau zuhause. Detlev hatte damit kein Problem. Was ihn interessierte, war vor allem anderen das Angeln.

Er führte ein sehr geregeltes Leben: Unter der Woche verließ er das Haus am frühen Morgen und abends, nach dem Abendbrot, saß er im Wohnzimmer und band Fliegen. An den Wochenenden stand er noch früher auf, packte sein Angelzeug ins Auto und fuhr weg zum Angeln. Wenn er abends nach Hause kam, schuppte er die gefangenen Fische, fror sie ein und brachte seine Ausrüstung wieder auf Vordermann. Dann ging er ins Bett. Jede Woche seines Lebens verlief fast identisch und er genoss sie alle. Detlev war ein glücklicher Mensch.

Seine Frau Astrid war sehr unglücklich. Sie hatte bereits verschiedene Hobbies ausprobiert, fühlte sich aber von keinem davon erfüllt. Schließlich begann sie, an der Börse zu spekulieren. Sie wählte börsennotierte Unternehmen aus, die ihr zusagten und informierte sich über sie. Sie las ihre Jahresberichte und sonstigen Meldungen. Oft rief sie bei der Aktionärsbetreuung an und stellte Fragen. Sie begann erst mit kleinen Anlagebeträgen, die sie von Detlevs Gehaltskonto abzweigte. Er bemerkte nichts davon, weil er sich noch nie um die finanziellen Angelegenheiten gekümmert hatte. Vor seiner Heirat mit Astrid hatte seine Mutter sein Konto geführt.

Astrids erste Investitionen waren überraschend erfolgreich. Sie realisierte ihre Gewinne und investierte mehr Geld. Nach und nach wuchs das kleine Vermögen, das sie verwaltete. Sie redete mit ein paar Freundinnen, die ihr bald auch Geld anvertrauten. Die Vermögensverwaltung von Astrid Loos nahm immer größere Formen an. Detlev hatte sie nichts davon erzählt. Als der Moment kam, dass sie einen Teil des Gewinnes verwenden konnte, kaufte sie zuerst einen Wagen, den sie in der Nachbarschaft in eine Garage stellte und über dessen Existenz sie Detlev nichts erzählte. Er fuhr nach wie vor mit dem Fahrrad zur Arbeit. Astrid kaufte Kleidung und Schmuck für sich, konnte sie aber nur tragen, wenn Detlev weg war. Schließlich kaufte sie eine Wohnung, die sie ganz nach ihrem Geschmack und nach ihrem Geldbeutel einrichtete. Wenn Detlev die gemeinsame Wohnung verließ, ging Astrid in ihre eigene. Wenn er zurückkam, kam auch sie zurück. Sie führte ein perfektes Doppelleben und war endlich ebenfalls glücklich.

(339) Ein Wohnzimmer im Altbau.

Ein Wohnzimmer im Altbau. Eine hübsche Couch, dahinter ein großes, freundliches Fenster mit Pflanzen. Links ein Bücherregal. Links und rechts vom Sofa Lautsprecherboxen. Es war Tag. Ein junger Mann und eine junge Frau saßen auf dem Sofa und tranken Kaffee. Sie schienen sich gut zu unterhalten und lächelten sich an. Schnitt. Abend. Der gleiche junge Mann und eine andere Frau. Sie waren festlich gekleidet und prosteten sich mit Champagner zu. Schnitt. Es war Nacht. Auf dem Sofa lag eine junge Frau. Der junge Mann saß neben ihr. Sie küssten sich leidenschaftlich. Schnitt. Der junge Mann lag auf dem Sofa. Eine andere junge Frau saß neben ihm. Sie küssten sich leidenschaftlich. Schnitt. Der junge Mann saß auf dem Sofa. Eine junge Frau kniete vor ihm und schien ihm einen Blowjob zu geben. Schnitt. Das Sofa stand jetzt mit der Rückenlehne nach vorne. Man sah den jungen Mann, der mit einer jungen Frau in einer a tergo-Position Geschlechtsverkehr zu haben schien. Auf dem Fernsehschirm erschien der Schriftzug: ‚Das Leben ist vielfältig. Auf einer Couch von Sesselmeier‘, begleitet von einem lustigen Jingle.

Irma schaltete den Fernseher aus und warf die Fernbedienung neben sich auf die Couch. Sie seufzte. Es klingelte. Es waren ihre Freundinnen Anke Krüger und Cornelia Schütz. „Ach, wie ist es bei dir so schön in der neuen Wohnung. So hell und freundlich“, lobte Anke. „Du hast dich ja so was von verbessert“, fügte Cornelia hinzu und ließ ihren Blick umherkreisen. Ikea, dachte sie. Sie setzten sich auf die Couch und nachdem alle erst einmal einen Kaffee getrunken hatten, öffnete Irma eine Flasche Sekt.

Die Frauen trafen sich einmal in der Woche, jeweils abwechselnd, in ihren Wohnungen. Anke war auch geschieden und lebte mit ihrem Tennislehrer zusammen. Cornelia lebte getrennt.

„Ist jetzt alles mit Henning geklärt?“, fragte Cornelia. „Finanziell schon. Es ist tragisch. Er ist komplett abgestürzt. Manchmal mache ich mir Vorwürfe. Er hatte ja auch gute Seiten…“ – „Daran solltest du nicht denken, mein Liebes“, unterbrach sie Anke. „Er hat es nicht besser verdient. Er hatte dich nie verdient. Und du hast wirklich alles versucht. Manchmal passt es einfach nicht zusammen.“ – „Wir nehmen viel zu sehr Rücksicht auf die Männer“, pflichtete ihr Cornelia bei. „Und sie nehmen es an, ohne nachzudenken, und trampeln dann noch auf uns herum.“ – „Auf uns Frauen!“ Sie stießen an. „Hey“, sagte Cornelia. „Ich muss Euch noch eine Geschichte erzählen, die ich gehört habe. Unglaublich.“