(317) „Was schaut ihr denn?“, fragte die Mutter, als sie aus der Küche kam.

von Alain Fux

„Was schaut ihr denn?“, fragte die Mutter, als sie aus der Küche kam. „Terry S. Pinter in ‚Der Drache kam und packte aus‘“, antwortete Karlheinz Lorenz, ihr Ehemann. Er saß im Sessel. Ihr Sohn Robbie lag auf der Erde und Svenja, ihre Tochter, saß auf dem Sofa. Monika, die Mutter, setzte sich zu Svenja aufs Sofa.

Auf dem Bildschirm stürmte gerade Terry S. Pinter, gespielt von Melchior Meyer in ein Haus hinein, gefolgt von einer Horde Männer im Trenchcoat. Drei Widersacher, die Pinter aufhalten wollten, wurden von ihm kurzerhand außer Gefecht gesetzt. „Ha, der kann das. Zack, zack und schon ist er durch“, freute sich Robbie. „Ja, die Typen im Trenchcoat hätte er gar nicht gebraucht“, fügte Karlheinz hinzu. „Ist ja etwas öde“, meinte Monika, „was hat er diesmal denn für eine Rolle?“ – „Er ist Staatsanwalt und will einem Gangster das Handwerk legen.“ – „Mal ganz was Neues“, sagte Svenja. „Der macht alle seine Stunts selbst. Hab‘ ich gelesen.“ – „Das glaubst du doch selbst nicht. Der lässt sich doch doubeln. Schon allein wegen der Versicherung.“ – „Aber er sieht wirklich toll aus“, schwärmte Monika. „Als ob das wichtig wäre“, stöhnte Robbie. „Genau, immer nur feste druff und alles andere ist egal, wie?“ Svenja stieß ihren Bruder mit dem Fuß in die Rippen. „Aua.“ – „Sei doch selbst mal hart.“ – „Ruhe jetzt, ich will das sehen.“ – „Er hat so einen netten Dackelblick. Wenn er einfach nur dasteht und in die Gegend schaut.“ – „Ach Mutti! Er sucht nach Feinden, um sie dann zu zerlegen. Das ist sein ultracooler diagnostischer Blick. Hat nichts mit Dackeln zu tun.“ – „Euer Vater hatte auch so einen Blick, als ich ihn kennenlernte.“ Svenja rollte mit den Augen. „Ich hol‘ mir was zu trinken“, sagte sie und ging in die Küche. „Bring mir noch ein Bier mit.“ – „Und mir noch eine Limo.“ – „Hey, bin ich Eure Sklavin, oder was?“

Auf dem Bildschirm kletterte Terry S. Pinter eine Fassade hoch. Es war Nacht und man konnte kaum erkennen, wie er sich am Haus festhielt. Ein oder zweimal rutschte er ab, aber er kam immer höher und schwang sich schließlich durch ein Schlafzimmerfenster. „Vielleicht kommt ja jetzt eine Liebesszene“, meinte Monika hoffnungsvoll. „Nein Monika, er sucht den Ganoven, keine Frau. Der Film heißt nicht umsonst: ‚Der Drache kam und packte aus‘. Da geht es nicht um Liebe.“ – „Ach so, Karlheinz. Dann hatte ich den Titel wohl ganz falsch verstanden…“ Karlheinz sah seine Frau verstört an. „Pass auf“, schrie Robbie. „Der Gangster wartet hinter der Tür.“ Aber Pinter war auf der Hut und erledigte den Angreifer mit einem Fausthieb, dass er über das Bett flog.

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