(316) Zuerst wusste Meyer nicht, wo er war.

von Alain Fux

Zuerst wusste Meyer nicht, wo er war. Er war im Hotel. Warum war er aufgewacht? Der Feueralarm war losgegangen. Die Sirene kreischte immer noch laut im Flur draußen. Es war nicht das erste Mal, dass ihm das passierte. Bisher war es immer irgendeine Art von Falschalarm gewesen. Wenigstens war er nicht zu lange beim Bergfest geblieben. Einige hatten bestimmt mehr Schwierigkeiten aufzustehen. Wenn sie überhaupt schon zurück waren.

Mechanisch zog er sich an, nahm seine Brieftasche und sein Telefon. Er öffnete vorsichtig die Hoteltür. Der Flur war voller Rauch. Er klappte schnell die Tür wieder zu. Es war kein falscher Alarm. Kein Rauch ohne Feuer, sagte er sich. Er ging ins Badezimmer, legte das Badetuch in das Waschbecken und ließ Wasser darüber fließen. Als das Tuch richtig vollgesogen war, nahm er es, wrang es leicht aus und platzierte es unten an der Hoteltür, um den Rauch draußen zu halten. Er überlegte, ob das Bad sicherer sein würde, für den Fall, dass das Feuer in sein Zimmer käme. Leider gab es nur eine Dusche, keine Badewanne, in die er sich legen könnte. Das hatte Terry S. Pinter in einem Film gemacht. Er ging zum Balkon, öffnete die Tür und trat hinaus. Es war natürlich zu hoch, fünfter Stock. Auch mit zusammengebundenen Laken (auch ein Trick von Terry S. Pinter), würde er es nicht schaffen, sich abzuseilen. Er rief die Rezeption an – die Leitung war tot. Er rief den Notruf über sein Handy an. Das Feuer war bereits bekannt. Er sagte seinen Namen, glaubte ein Erkennen bei der Telefonistin herauszuhören, und sagte, dass er in Zimmer [139] war und nicht herauskommen konnte. Er musste der Telefonistin beschreiben, was er vom Balkon aus sah. „Den Fluss“, sagte er, „ich bin im hinteren Teil des Hauses.“ Fünf Minuten später kam ein Feuerwehrauto um das Haus gefahren. Meyer ging auf den Balkon und winkte. Der Leiterwagen brachte sich in Position. Zwei Männer sprangen aus der Fahrerkabine und fuhren die Leiter hoch. Sie legte an die Balkonbrüstung an. Die beiden Feuerwehrleute bedeuteten ihm, abzusteigen. Er schaute an der Leiter hinunter. Durch das Blaulicht sah die Tiefe gespenstisch für ihn aus.

Als er nicht kam, stieg ein Feuerwehrmann hoch. „Nico Hoffmann“, stellte er sich vor. Er redete Meyer gut zu. Dann brach die Zimmertür in Meyers Zimmer auf und Flammen loderten herein. Schließlich hatte Meyer genügend Mut gesammelt. Er klammerte sich an den Feuerwehrmann und gemeinsam stiegen sie die Drehleiter hinunter. Meyer hoffte, dass niemand von der Presse unten war und keiner Fotos von ihm machte, wie er in dieser hilflosen Situation von dem Feuerwehrmann gerettet wurde. Es wurde auch nicht besser, als er merkte, dass er vergessen hatte, eine Hose anzuziehen. In der Aufregung fiel es ihm jetzt erst auf.

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