(311) Jay Malek goss sich einen Whisky ins Glas.

von Alain Fux

Jay Malek goss sich einen Whisky ins Glas. Es war fast Mitternacht, ein Zeitpunkt, an dem er am besten schreiben konnte. Es waren noch ein paar Tage bis zu seiner Hochzeit mit Jennifer. Er war sich immer noch nicht sicher, ob es richtig war, sie bei ihm einziehen zu lassen. Er wusste nicht, wie es sein würde, ständig einen anderen Menschen im Haus zu haben. Seine erste Ehe war nach kurzer Zeit gescheitert und das war schon sehr lange her. Seitdem hatte er immer alleine gewohnt. Man würde sehen.

Aus seinem Aktenkoffer nahm er einen großen Umschlag mit kleinen Zetteln. Auf diesen Zetteln notierte er seine Einfälle, die ihm bei Reisen kamen. Es war mal wieder an der Zeit, ein neues Buch zu schreiben. Die Ideen auf den Zetteln waren die ersten Samenkörner dafür. Er schüttete den Umschlag aus und häufte die Zettel an. Dann trank er einen Schluck und las den ersten Zettel.

‚Du wächst mit den Herausforderungen‘ Das hatte er schon mehrfach gehabt. Er legte den Zettel weg.

‚Die Welt ist so, wie du willst, dass sie sein soll.‘ Auch das kam ihm bekannt vor, es könnte aber auch von einem Kollegen gewesen sein. Er legte es auf einen zweiten Haufen.

‚Du bist ein Gewinner, denn du warst das schnellste Spermium.‘ Jay musste lachen. Das war gut. Er legte es auf einen dritten Haufen.

‚Ein Hindernis ist etwas, mit dem du dich noch nicht beschäftigt hast‘ Auch dritter Haufen.

‚Wer nicht aufgibt, kann nicht verlieren.‘ Das klang so wie ‚Wer nicht spielt, kann nicht gewinnen‘. Haufen zwei.

‚Sogar wenn du aufs Gesicht fällst, bewegst du dich vorwärts.‘ Er musste betrunken gewesen sein, als er das notierte. Haufen eins.

‚Wenn das Leben alles von dir verlangt, leg noch was drauf‘. Jay zögerte. Er trank noch einen Schluck. Was bedeutete der Spruch? Trotz? Absoluter Leistungswille, egal was dabei herauskommt?

Er schaute aus dem Fenster hinaus auf den dunklen See, an dem sein Haus gebaut war. Der See kam ihm vor wie ein schwarzes Loch. Er wusste, dass er da war, aber er konnte ihn nicht sehen. Je mehr er hinstarrte, desto mehr schien es ihm, dass sich der See vergrößerte und alles andere verschlang.

Er warf den Zettel auf den Haufen zurück, trank das Glas in einem Zug leer und löschte das Licht. Im Dunkeln konnte er besser sehen. Der See war immer noch am gleichen Ort, hatte sich nicht vergrößert. Es war still. Er würde seine Zettel ein andermal sortieren. Wahrscheinlich nach der Hochzeit, vorher war keine Zeit. Er wollte ins Bett gehen und die Decke über den Kopf ziehen. Er wollte nicht noch etwas drauflegen.

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